1.2 Das IÖG wird zum Begriff
Die spezielle Situation in diesem Jahr dürfte dabei nur in ganz gewöhnlichen Personalstandsentwicklungen gelegen sein, wie sie im öffentlichen Dienst immer wieder vorkommen. Dr. Theimer war meines Wissens nach auch gar nicht als Historiker im Staatsarchiv herangewachsen, sondern anscheinend zunächst nur als Maturant in einem anderen Bereich der öffentlichen Verwaltung beschäftigt gewesen. Er dürfte erst relativ spät begonnen haben Geschichte zu studieren, scheint aber bald nach Erlangung des Magisteriums ins Staatsarchiv versetzt worden zu sein. Dort hatte er auch noch ein Doktoratsstudium absolviert und in der Folge rasch Karriere gemacht, da Generaldirektor Mikoletzky ihm den Posten des Direktors der Abteilung Allgemeines Verwaltungsarchiv anvertraute, den er selbst von 1991 bis 1994 innegehabt hatte.
Dieser Vorgang war anscheinend unter Absegnung durch die Personalvertretung des Staatsarchivs vonstatten gegangen, der damals auch Hofrat Tepperberg angehörte. Da Dr. Theimer allgemein als beliebt galt, hatte man ihn sogar zwei dienstälteren Kollegen vorgezogen, Dr. Michael Göbl und Dr. Helmut Karigl, beide überdies tatsächlich Absolventen des Kurses am IÖG, denen aber für eine Bestellung zum Abteilungsleiter die eine oder andere Kompetenz möglicherweise nicht zugesprochen worden war. Wie weit dieser Umstand auch am IÖG bekannt war, ist nicht ganz klar.
Wie Hofrat Tepperberg mir jedoch mehrfach sagte und wie Dr. Theimer sogar selbst einmal erwähnte, war Theimer für seine Ernennung zum Archivdirektor allerdings das „Ehrenwort“ abgenommen worden, den Kurs am IÖG zu absolvieren und zu bestehen. Hier war es also vermutlich zum ersten Mal überhaupt zu der Situation gekommen, dass ein Archivdirektor, also ein fachlich qualifizierter Archivar (von damals 41 Jahren) in einer eingenommenen Führungsposition, jetzt wieder ans IÖG gesandt wurde, um drei Jahre lang die Schulbank zu drücken. Hofrat Tepperberg, der in einem fast unerschütterlichen Glauben an die Korrektheit der Ausbildung am IÖG lebte und sich nur bisweilen in hier nicht wiederzugebenden Bezeichnungen für dessen obersten Paläographielehrenden erging, tat diese Problematik mit den Worten ab: „Lernen ist nie eine Schande.“
An einem Tag im Mai 1998, wenige Monate vor Beginn des 62. Institutskurses, fand im Hörsaal des IÖG eine kurze Veranstaltung statt, an der auch ich bereits teilnahm und bei der der damalige Institutsdirektor, Prof. Herwig Wolfram, gegenüber allen Interessierten ein paar Worte zum Kurs sagte und auch die direkte Möglichkeit zur Anmeldung bestand. Bei dieser Veranstaltung war Dr. Theimer jedoch nicht zugegen, da er als einziger, wie Hofrat Tepperberg es dann ausdrückte, einen „direktoralen Termin“ zur persönlichen Vorsprache und Anmeldung bei Prof. Wolfram erhalten hatte – was immer dabei auch gesprochen worden sein mag.