1.3 Beim Generaldirektor
Um diesen „Besuch des Staatsarchivs am Institut“ wurde auch sonst ein beachtliches Aufsehen betrieben, und im Juli 1998 wurde ich sogar in das Zimmer von Generaldirektor Hon.-Prof. Lorenz Mikoletzky eingeladen, um zusammen mit den anderen Kandidaten aus erster Hand die Bedeutung der Ausbildung am IÖG zu erfahren. Bei dieser Gelegenheit war auch ein Absolvent des soeben zu Ende gegangenen 61. Institutskurses (1995-1998) anwesend. Es handelte sich um Dr. Peter Wiesflecker aus dem Steiermärkischen Landesarchiv, der von Graz nach Wien entsandt worden war, um hier drei Jahre lang den Kurs am IÖG zu besuchen. Tatsächlich bestehen zwischen dem IÖG und dem Steiermärkischen Landesarchiv sehr alte und intensive Beziehungen, und auch in unserem 62. Institutskurs war dann wieder eine Kollegin aus dem Steiermärkischen Landesarchiv mit dabei, Dr. Elke Hammer, die dann ebenfalls drei Jahre bei vollen Bezügen nur zum Zweck des Kursbesuches am IÖG in Wien verbrachte. Inzwischen scheinen sogar die treuen Steirer diese Tradition aufgegeben zu haben, allerdings war sowohl für Dr. Wiesflecker als auch für Dr. Hammer vom Land Steiermark als Geldgeber die tatsächliche und erfolgreiche Absolvierung des Kurses zur unbedingten Voraussetzung für ihre weitere Beschäftigung im Steiermärkischen Landesarchiv gemacht worden.
Dr. Wiesflecker als gerade fertig gewordener Absolvent diente daher an diesem Tag im Staatsarchiv neben Generaldirektor Mikoletzky als Hauptauskunftsperson dessen, was mich sowie die Kollegen Dr. Theimer, Dr. Gröger und Dr. Hutterer am IÖG erwarten würde. Wenn ich mir die Szene aus heutiger Sicht wieder ins Gedächtnis rufe, verstehe ich die damaligen Worte Wiesfleckers in ihrem eigentlichen Sinne. Er sprach unter anderem davon, dass es neben den normalen Teilnehmern sogenannte „Stars“ gebe, womit er – ohne es damals für mich verständlich dazuzusagen – zum Ausdruck bringen wollte, dass die „Stars“ auch als „Stars“ geprüft wurden, die „Normalen“ hingegen im Normalfall als „Normale“. Er berichtete auch das eine oder andere über den Lehrkörper, wovon mir bis heute aber nur mehr eine Aussage im Gedächtnis geblieben ist: Als er auf das Fach „Lateinische Paläographie“ und dessen Lehrer Prof. Winfried Stelzer zu sprechen kam, meinte er, er habe vor diesem „drei Jahre lang Angst gehabt“. Warum genau, sagte er jedoch nicht dazu, und es erschien mir nicht wichtig genug, um ihn eigens danach zu fragen.[1]
Einige Voreindrücke schnappte ich daneben auch bei Dr. Theimer auf, der damals ja bereits die Funktion eines (provisorischen) Direktors der Abteilung Allgemeines Verwaltungsarchiv bekleidete. Theimer hatte nämlich zusammen mit Wiesflecker im Herbst 1995 ebenfalls schon den 61. Institutskurs begonnen, war davon jedoch wieder abgezogen worden, da ihn das Staatsarchiv statt dessen auf die Verwaltungsakademie entsandte. Aufgrund dessen hatte sich die Generaldirektion dann entschlossen, im Herbst 1998 gleich drei Archivare auf einen Streich ans IÖG zu entsenden, denen ich (als Karenzvertretung) mich dann kurzerhand anschloss, da ich es auch wissen wollte. Theimer jedenfalls hatte 1995/96 schon mehrere Monate am IÖG verbracht und verglich es nun im Gespräch zunächst mit einem „Orden“, dann mit der „Fremdenlegion“, was ich damals nicht zur Gänze verstand, aufgrund des hintergründigen Schmunzelns des Generaldirektors aber eher für einen Scherz hielt.
[1] Rund sieben Jahre nach dieser mir wohl ewig unvergesslichen Szene sollte Wiesflecker folgendes schreiben:
„Das Erfordernis, das Institut in Wien zu absolvieren, sieht etwa das Dienstzweigegesetz des Landes Steiermark vor, nach dem neben dem Doktorat in Geschichte die positive Absolvierung des Instituts die Voraussetzung ist, um pragmatisiert werden zu können. Archivare ohne die klassische Ausbildung in Wien wurden im Land Steiermark bisher – von Einzelfällen abgesehen – nicht pragmatisiert. Auch der Entwurf zum Steiermärkischen Landesarchivgesetz, der derzeit durch den Verfassungsdienst des Landes begutachtet wird, normiert als Anforderungsprofil für den wissenschaftlichen Archivar bzw. den Direktor die Absolvierung des Wiener Instituts oder eine vergleichbare Ausbildung.
Von den derzeit im Steiermärkischen Landesarchiv beschäftigten sieben wissenschaftlichen Archivaren sind alle Absolventen des Instituts. Sie sind es auch, die die Schlüsselstellen im Archiv innehaben. Die Bedeutung, die man bisher der Ausbildung am Wiener Institut im Steiermärkischen Landesarchiv beimaß, mag man auch daran ablesen, daß die Ausbildung in Wien auch im Rahmen des Dienstes und zwar in Form einer Dienstzuteilung an das IÖG erfolgen konnte, wenn der neue Mitarbeiter zum Zeitpunkt seines Dienstantritts im Landesarchiv das Institut noch nicht absolviert hatte. In einer Zeit knapper werdender finanzieller Mittel und personeller Ressourcen wird eine Absolvierung dieser Ausbildung im Rahmen des Dienstes jedoch zunehmend schwieriger. […]
Auch heute noch gehört die überwiegende Zahl der Archivare in den Landesarchiven, aber auch im Österreichischen Staatsarchiv zum Kreis jener wissenschaftlichen Archivare, die am IÖG ausgebildet worden sind. Dies wird auch an den Absolventenzahlen deutlich, denn zwischen 1945 und 1989 sind 46 % aller Absolventen des Instituts in den Archivdienst eingetreten. Seit etwa einem Jahrzehnt ist jedoch eine zunehmende Ausdünnung dieses Prinzips, in Archiven der Staats- und Landesverwaltung vorrangig Mitglieder des Instituts für Österreichische Gechichtsforschung anzustellen, zu bemerken. Einzelne Archive gehen davon ab, diese Ausbildung explizit als Anstellungskriterium zu fordern. Dies ist als durchaus problematisch anzusehen, denn immerhin garantierte das Institut einen gleichmäßigen Ausbildungsstand der Archivare. Ein gewisses Unbehagen am dortigen Lehrbetrieb und auch die immer wieder geäußerte Kritik am Fächerkanon des Ausbildungskurses, die schließlich im letzten Jahrzehnt zu mehreren Reformen des Lehrganges führten, sollen die Gesamtleistung des Instituts als Ausbildungsstätte österreichischer Archivare nicht schmälern.“
Die zitierte Textstelle ist ein Auszug aus Wiesfleckers Aufsatz: Die wissenschaftliche Ausbildung der Archivare in Österreich; in: Technical an Field Related Problems of Traditional and Electronic Archiving. Conference Proceedings, Maribor 4/2005, No. 1, pp. 240-247.
Wiesfleckers Unterwerfung unter das System des IÖG hat sich offenbar so restlos ausgezahlt, dass vom Horror eines „drei Jahre lang Angst gehabt“ am Ende nur „ein gewisses Unbehagen“ geblieben ist. Oder sollte man Herrn Dr. Wiesflecker dazu gratulieren, dass er und seine Kurskollegen drei Jahre lang so schön „gleichmäßig“ ausgebildet worden sind? Es ist nahezu unfassbar, welche zirkusreifen Dressurleistungen dieses Institut hervorbringt!