10. Kleine Paläographie für Nichtpaläographen

In meinen Schreiben an das Wissenschaftsministerium habe ich unter anderem auch versucht, theoretische Grundlagen zur Prüfungsrealität des IÖG vor allem in den paläographisch arbeitenden Fächern zu entwickeln und diese in beispielhafter und bewusst plakativer Weise möglichst anschaulich aufzubereiten, um die „kommunikative Schwelle“ zwischen dem IÖG und der uneingeweihten Außenwelt etwas zu egalisieren. Diese Schwelle hat ihre beiden Hauptursachen darin, dass erstens kein Angehöriger des IÖG, welches eine kleine und eingeschworene Gemeinschaft darstellt, von all dem auch nur eine Silbe nach außen trägt und zweitens die Außenwelt dafür nicht nur keine Vorstellung, sondern zumeist nicht einmal artikulierbare Worte hätte.

 

Wollte man einmal das reguläre Studium der Geschichte mit der "Ausbildung" am IÖG vergleichen, so könnte man vielleicht folgenden Satz aufstellen: Im Geschichtestudium wissen Studierende mit Sicherheit, dass der Vorlesungsstoff gleichzeitig Prüfungsstoff ist, und wo der Prüfungsstoff über den Vorlesungsstoff hinaus gehen sollte, dort wird dann auf die entsprechenden Skripten, Literatur etc. hingewiesen. Bei schriftlichen Prüfungen über den Stoff einer solchen Vorlesung werden zwei Gruppen mit gleichwertigen Aufgabenstellungen gebildet, damit niemand schummeln kann. Das ist Redlichkeit.

Dass eine solche Vorgangsweise am IÖG nicht etwa aufgrund besonderer Schwerkraftverhältnisse oder vielleicht der physikalischen Eigenheiten eines parallelen Universums unmöglich ist, beweisen die jahrzehntelang während des Vorbereitungsjahres abgehaltenen Sprachbeherrschungsprüfungen aus Latein und einer zweiten Sprache. Dabei gab es, wie bereits erwähnt, stets zwei Gruppen mit inhaltlich zwar verschiedenen (meist zwei unterschiedliche Passagen aus ein und demselben Kodex), aber mengenmäßig bis auf den letzten Buchstaben abgezählten, mit der Schreibmaschine oder dem Computer geschriebenen Texten – wie bei einer Lateinschularbeit am Gymnasium.

Warum aber, in drei Teufels Namen, erhält dann nicht nur bei allen mündlichen, sondern auch bei allen schriftlichen Prüfungen des IÖG, die im Rahmen des Lehrganges abgehalten werden, jeder einzelne von zehn oder zwanzig Kandidaten eine eigene, nur für ihn ganz allein zusammengestellte Aufgabe?

Wenn Sie diese Frage einmal einem Angehörigen des IÖG stellen, werden Sie vielleicht etwa diese Antwort zu hören bekommen: „Weil in fast allen Staatsprüfungsfächern paläographische Schriften vorkommen und es in der Paläographie nun einmal mindestens zehn oder zwanzig verschiedene Schrifttypen gibt, die schließlich auch alle geprüft werden sollen, denn bei uns am Institut muss jeder alles können.“

Betrachten wir diese Ausrede, wie sie dümmer gar nicht mehr sein könnte, aber von Außenstehenden und Studienanfängern immer wieder geglaubt wird, einmal etwas näher und entwickeln wir dazu einige methodische Überlegungen!