10.1 Anforderungsprofil
Im Kern geht es bei Prüfungsaufgaben des IÖG in der Paläographie und den paläographisch arbeitenden Fächern um das Lesen von Schrift sowie um das Verstehen des in der Schrift verpackten Textinhalts, im Prinzip unabhängig davon, ob wie in der Editionstechnik der Text nur „abzuschreiben“, daneben die Schrift zu bestimmen und zu datieren und das Ganze vielleicht irgendwie herausgeberisch zu bearbeiten ist oder ob sich wie etwa in der Diplomatik allfällige inhaltliche und formale Fragen daran knüpfen können.
Wenn wir als Grundmuster das traditionelle Fach „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“ hernehmen, so stellt sich dabei für den Prüfungskandidaten, der über eine individuelle Vorbildung, persönliche Interessen sowie eine bestimmte leistungsphysiologische und leistungspsychologische Ausstattung verfügt, die zwingende Anforderung, folgenden hermeneutischen Mehrfachzirkel auf jeden Fall innerhalb von vier Stunden, idealerweise aber noch schneller (Zeitreserve) zu durchlaufen:
- erster optischer Eindruck der Schrift,
- Grobzuordnung zu einem Zeitraum,
- erste Leseversuche am Textanfang,
- erste Leseschwierigkeiten treten auf,
- erste philologische Interpretationsversuche,
- erste Erahnung von möglichen Inhalten,
- erste Leseversuche weiter im Inneren des Textes,
- langsame Gewöhnungseffekte an die Schrift,
- erneute Leseversuche am Textanfang gehen jetzt besser,
- besseres Lesen erlaubt erste Übersetzungsversuche,
- mögliche Textinhalte beginnen sich akzentuierter abzuzeichnen,
- Leseversuche im Textinneren gehen inzwischen besser,
- Übersetzungsansätze werden langsam klarer,
- Textinhalt lässt sich mit der Zeit auf eine abwägbare Anzahl möglicher historischer Sachverhalte eingrenzen,
- ganze Sätze und Satzgefüge werden lesbar, verstehbar und übersetzbar,
- ein einzelner, immer deutlicherer Inhalt tritt langsam zutage,
- der Großteil des Textes wird lesbar, einzelne Stellen bleiben noch unklar,
- die bisherige Textkenntnis und Übersetzung erlaubt eine immer eindeutigere Eingrenzung des Inhalts,
- der jetzt erkennbare historische Sachverhalt klärt die verbliebenen Zweideutigkeiten von Schrift und Sprache auf,
- am Anfang gemachte und zunächst für richtig befundene Fehler werden jetzt als solche erkannt und können wieder korrigiert werden,
- der Text ist jetzt im Idealfall vom Anfang bis zum Ende lesbar, übersetzbar, verstehbar und kann daher in der Folge buchstäblich transkribiert werden, womit dann zumindest der größere Teil der Aufgabe erledigt wäre.
Für den Prüfer wiederum stellt sich umgekehrt die Anforderung, dem Kandidaten eine Prüfungsaufgabe zu erstellen. Auch wenn wir gar nicht annehmen wollen, dass ein Prüfer am IÖG all dies für sich selbst in der hier sehr theoretisch beschriebenen Weise ausformulieren würde, sondern es sich dabei, nach oft jahrzehntelanger einschlägiger Erfahrung, wohl um eine eher intuitive und in vielen Fällen durchaus gefühlsgeleitete Vorgangsweise handelt, so kommt er an der Problematik als solcher nicht vorbei.
Fassen wir den für einen Prüfer am IÖG erforderlichen gedanklichen Ansatz kurz zusammen! In der für jeden Kandidaten zu erstellenden Prüfungsaufgabe sind vier Variablen möglichst sinnvoll – und für allfällige außenstehende Beobachter möglichst unauffällig – miteinander zu kombinieren:
1) ein Prüfungskandidat mit einer individuellen Vorbildung, persönlichen Interessen sowie einer bestimmten leistungsphysiologischen und leistungspsychologischen Ausstattung;
2) ein inhaltlicher Kontext in lateinischer Sprache mit einem beliebigen historischen Sachverhalt;
3) das Faksimile (oder Original) einer beliebigen Schrift mit einem Schwierigkeitsgrad entlang einer fast unbeschreibbar weiten Skala paläographischer Eigentümlichkeiten;
4) eine weder nach Zeilen noch nach Zeichen irgendwie vordefinierte Textmenge.
Hätte jetzt ein Prüfer bei dieser Vorgangsweise einmal die Absicht, trotz allem jedem Kandidaten eine gleich schwere Aufgabe zu stellen, ohne dabei dasselbe Textbeispiel zu verwenden, so müsste er logischerweise – und das habe ich selbst tatsächlich drei volle Kursjahre, von 1998 bis 2001, für das dem System des IÖG zugrunde liegende Prüfungsprinzip gehalten, bis mich die finale „Staatsprüfung“ endgültig eines Besseren belehrte – bei Änderung einer Variablen auch die anderen Variablen entsprechend anpassen. Das hieße folgerichtig:
- Wird der historische Sachverhalt komplex oder gleitet er in wenig bekannte Spezialistenthemen ab, so muss der Schwierigkeitsgrad der Schrift und die Menge des Textes reduziert werden.
- Ist der Schwierigkeitsgrad der Schrift hoch, so muss eben ein einfacher historischer Sachverhalt mit einer geringeren Textmenge kombiniert werden.
- Ist die Menge des lateinischen Textes groß, so ist ein einfacher Schwierigkeitsgrad der Schrift und ein bekannterer historischer Sachverhalt zu wählen.
- Da mit Hilfe dieser Faustregel jetzt zwar ein Dutzend grundsätzlich verschiedener, aber sonst gleichwertig nebeneinander stehender Prüfungsaufgaben geschaffen wurden, verteilt der Prüfer daher dieselben an die Kandidaten nach dem Zufallsprinzip – ohne dabei auch nur hinzusehen.
Tatsächlich funktioniert das dem System des IÖG zugrunde liegende Prüfungsprinzip aber eben ganz anders, und vor allem schon gar nicht nach einer solchen oder irgend einer anderen, irgendwie „mathematisch“ berechenbaren Regel. Das dem System des IÖG zugrunde liegende Prüfungsprinzip basiert einzig und allein auf (zwar subjektiv „kalkulierter“, aber gerade dadurch) absoluter und reinster Willkür – mit welchem Endzweck immer. Denn würde ein Prüfer unter all diesen spezifischen Gegebenheiten die erste Variable gar nicht beachten, sondern nur die Variablen zwei bis vier rein „zufällig“ miteinander kombinieren, dies noch dazu bei jedem einzelnen Kandidaten, so würde sein gesamtes Prüfungswesen mangels jeglicher Leitlinie im Chaos enden – er würde nicht einmal wissen, ob die Aufgabe aus 20, 40 oder 200 Zeilen bestehen soll.
Und wo liegt dann eigentlich die äußerste Grenze von Schwierigkeit und Menge? Es wurde niemals eine festgelegt. Daher gibt es auch keine. Jeder muss alles können. – Lassen wir das einmal so stehen und schauen wir weiter!