10.2 Zur Schriftentwicklung
Am Beginn der Geschichte der lateinischen Schrift steht die Capitalis, etwa unsere heutige Blockschrift. Rein vom Schrifttyp her gesehen ist sie die wahrscheinlich für jedermann in der westlichen Welt am leichtesten lesbare paläographische Schrift von Antike, Mittelalter und Neuzeit gleichermaßen.
In der römischen Antike bestanden neben der Capitalis auch noch kursive Schriften wie die ältere römische Kursive als Majuskel-Schrift und nach ihr die jüngere römische Kursive als Minuskel-Schrift. Die ältere Kursive blieb nur bei den höheren Verwaltungsbehörden bestehen und erhielt schließlich durch bewusste Stilisierung unter der Bezeichnung Litterae caelestes den Charakter einer kaiserlichen Reservatschrift, im besonderen der „divi imperatores“ Valentinian und Valens. In der Spätantike bildeten sich mit Unziale und Halbunziale weitere Buchschriften heraus, während sich die jüngere römische Kursive zur Halbkursiven wandelte.
Am Beginn der Mittelalters bestanden dann vor dem Hintergrund der fränkischen Schriftkultur mehrere gebrauchte Schriften nebeneinander, aus denen sich im Zuge der karolingischen Reform durch kalligraphische Bestrebungen die karolingische Minuskel formte. Die karolingische Minuskel ist dadurch die vielleicht am leichtesten lesbare Schrift speziell des Mittelalters, und zwar vor allem aufgrund ihres bewusst klar gestalteten Schriftbildes, welches aus dem Bestreben herrührt, eine neue, universelle und für jedermann im großen Frankenreich leicht lesbare Buchschrift zu schaffen, welche die einzelnen Vorgängerschriften ablösen sollte.
Teilweise um vieles schwerer lesbar sind in den Jahrhunderten danach die sich aus der ihr Formniveau verlierenden karolingischen Minuskel nun wieder herausbildenden gotischen Schriften, da im Verlauf von Hoch- und Spätmittelalter die Tendenz in die andere Richtung ging.
An der Wende zur Neuzeit traten dann die Humanisten auf und leiteten die nächste Schriftreform ein. Dabei griffen sie nun direkt auf die karolingische Minuskel zurück und entwickelten daraus die typische Humanistenschrift, die sie bloß irrigerweise als „Antiqua“ bezeichneten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass eine so klare und reine Schrift nicht aus der hellen Antike, sondern aus dem dunklen Mittelalter stammen könnte. Die Humanisten haben für ihre Schriften auch das überlieferte Kürzungswesen zugunsten besserer Lesbarkeit fast völlig aufgegeben.
Mit dem Beginn der Neuzeit setzt sich die paläographische Schriftentwicklung somit in zwei parallelen Linien fort, in einer „deutschen“, die aus den gotischen Formen über die frühbarocke und barocke Schrift zur Kurrentschrift des späten 18. und 19. Jahrhunderts führt und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hin ohne Nachfolger ausläuft, und in einer „lateinischen“, die von der älteren Humanistenkursive über die Cancellareska zu den neueren Rundschriftformen führt und ihren derzeitigen Endpunkt in der heute an Volksschulen gelehrten modernen Schreibschrift hat.
Litterae caelestes