10.3 Das Kürzungswesen
Wenn ich heute den Satz schreibe: „Mir ist ho. nichts davon bekannt bzw. aufgefallen, u. ich verweise daher auf d. Vorgang v. gestern usw.“, so könnte zwar kein Mensch auf der ganzen Welt mit Sicherheit sagen, was genau ich dabei meine, aber (fast) jeder Österreicher mit Mittelschulbildung würde laut lesen können: „Mir ist hierorts nichts davon bekannt beziehungsweise aufgefallen, und ich verweise daher auf den Vorgang von gestern und so weiter.“ Das könnte er deshalb, weil es sich hier um konventionelle (uns geläufige moderne) Abkürzungen handelt.
Wenn ich heute aber schreibe: „Ich bewundere d. USMC“, so würde ein einfach gestrickter Leser vielleicht einfach nur sagen: „Ich bewundere den u-s-m-c“, während ein anglophiler Betrachter vielleicht den Satz zu verstehen glauben würde: „Ich bewundere das United States Marine Corps.“ Keiner von beiden konnte aber wissen, dass ich in Wirklichkeit gemeint hatte: „Ich bewundere die Unterseite meines Zitronenfalters.“ Niemand außer mir selbst konnte diesen Satz richtig lesen, weil ich erstens mein ganz eigenes und selbstgebasteltes Abkürzungssystem verwendet hatte und weil zweitens überdies kein Leser auch nur ahnen konnte, dass ich das Wort „Zitronenfalter“ verwirrenderweise mit c abkürzen würde.
Und vor ganz ähnlichen und noch viel krasseren Phänomenen steht der Historiker im wahrhaften Universum der mittelalterlichen paläographischen Kürzungen.
Auch im Mittelalter gibt es zunächst einmal eine größere Anzahl konventioneller Kürzungen, die zwar im Lauf der Jahrhunderte und von Gegend zu Gegend gewissen Abweichungen unterworfen sein können, aber in ihrem Grundmuster ansonsten einigermaßen konstant bleiben. Diese Kürzungstypen kann man sich durch Auswendiglernen und möglichst häufiges Üben mehr oder weniger gut aneignen bzw. bei Nichtkennen den einschlägigen Hilfsmitteln entnehmen, wie etwa dem bekannten „Dizionario di Abbreviature latine ed italiane“, nach dem verdienstvollen Autor auch oft nur kurz „der Cappelli“ genannt, der 1929 erstmals die ihm in seinem Historikerleben untergekommenen (bzw. in Erinnerung gebliebenen) mehr oder weniger „konventionellen“ Kürzungen in alphabetisch-systematischer Weise durch handschriftliches Nachzeichnen mit der Feder dargestellt hat.[1]
So kann man sich z.B. einigermaßen sicher sein, dass ein p mit einem waagrechten Strich hoch über sich zumeist „prae“, hingegen ein p mit einem waagrechten Strich unten quer durch seinen Schaft zumeist „per“ bedeutet; hat das p ein kleines Schwänzchen nach hinten, so hat der Schreiber wohl „pro“ gemeint, schwebt aber über dem p ein a, so sollte man eher „pra“ lesen. Hat der Autor ein Doppel-q mit einem Strich darüber versehen, so hat er wohl „quoque“ gemeint, hat er das gleiche mit einem qs gemacht, so wollte er ziemlich sicher „quasi“ sagen. Dies sind Beispiele der allereinfachsten Kürzungstypen, wie sie auch in einer Paläographievorlesung wenigstens einmal gebracht werden; für die sonst noch möglichen Varianten und Abarten davon ist im Zweifelsfall eben im „Cappelli“ nachzuschlagen – und zu hoffen, dass man dort auch fündig wird.
Aber natürlich kann man den Verfasser oder Kopisten eines mittelalterlichen lateinischen Textes des 12. oder 15. Jahrhunderts nicht zwingen, sich an ein hilfswissenschaftliches Abkürzungswörterbuch des 20. Jahrhunderts zu halten. Auch was die Kollegen in der Nachbarabtei für konventionell halten, muss einen selbstbewussten Schreiber noch lange nicht kümmern. Jetzt kommt der gute Mann außerdem ans Ende der Seite, wo gerade noch Platz für fünf Buchstaben ist, will aber unbedingt noch das Wort „accusationem“ unterbringen. Was könnte er notfalls tun? Nun, niemand könnte ihn hindern, frei von der Leber weg „acctm“ zu schreiben und über das Ganze einen Strich zu machen – und schon hätte er das lange Wort „accusationem“ gerade noch auf die Seite gebracht.
Was hier jetzt auf dieser Seite nicht nur buchstäblich, sondern auch inhaltlich steht, das weiß somit unser selbstbewusster Schreiber, möglicherweise sein Sitznachbar im Skriptorium, und die Kollegen in der Nachbarabtei würden es sich wahrscheinlich denken können, weil sie es notfalls genauso gemacht hätten. Und eventuell kann das nach Jahrhunderten auch ein sehr kenntnisreicher Paläograph mit entsprechend umfangreicher Vorerfahrung und einschlägiger Textkenntnis herausfinden. Aber woher sollte ein Nichtkenner der inhaltlichen Materie, dem nur der „Cappelli“ zur Verfügung steht, wissen, dass hier das Wort „accusationem“ steht – und nicht etwa das Wort „accusatorem“ oder überhaupt „accusativum“?
Ein Kenner der inhaltlichen Materie, z.B. ein Kursteilnehmer, der in diesem Bereich schon einmal eine größere Anzahl ähnlicher Quellen zu einer Dissertation verarbeitet hat und das einzelne Wort daher bereits „erahnen“ kann, hat einen beträchtlichen Vorteil gegenüber einem Nichtkenner der Materie, der dieses wie jedes andere der zahlreich gekürzten Wörter tatsächlich „lesen“ muss – ohne dass er mit diesem so einfach klingenden Vorgang (Lesen lernt man in der Volksschule!) zwangsläufig auch nur zu irgend einem verwertbaren Ergebnis kommen muss.
Starke Kürzung von lateinischen Wörtern kann deren buchstäbliche Lesbarkeit somit bis zur faktischen Unverstehbarkeit reduzieren. Man spricht für die Antike, ganz besonders für das Mittelalter und auch für die Frühe Neuzeit bewusst von „Kürzung“ und nicht etwa von „Abkürzung“, und tatsächlich hat gerade das mittelalterliche paläographische Kürzungswesen mit unserer modernen Vorstellung von Abkürzungen geschriebener oder gedruckter Wörter nur beschränkte Gemeinsamkeiten. Unser typischer moderner Abkürzungspunkt ist im Mittelalter eher selten; mittelalterpaläographische Kürzungszeichen können unter Umständen fetten Strichpunkten ähneln, daneben haben sie häufig die Form von Schwänzchen, Schwüngen oder Tilden sowie, und dies vielleicht am häufigsten, von waagrechten Strichen, zumeist über dem verbliebenen Buchstabenbestand, manchmal auch darunter oder quer durch. Typologisch unterscheidet man mehrere Arten von Kürzungsmöglichkeiten:
- Kürzung durch Einzelbuchstaben,
- einfache Suspensionskürzung;
- syllabare Suspensionskürzung;
- Kontraktionskürzung;
- Kürzung durch Überschreiben.
Man könnte vielleicht formulieren, dass der Zweck des modernen Abkürzungswesens, wie es sich weniger in der Literatur, aber in nahezu jedem Ministerialakt finden lässt, in einer Ökonomie des Schreibens liege. Wird zum Beispiel das Wort „beziehungsweise“ durch die konventionelle Abkürzung „bzw.“ ersetzt, so erspart sich der Schreiber an Maschine oder Computer durch das Setzen eines Abkürzungspunktes vier Fünftel des sonst zu Papier zu bringenden Buchstabenbestandes, während gleichzeitig ein fünfzehn Zeichen langes Wort, welches das Auge beim Lesen erst schrittweise aufnehmen und dann das Gehirn verarbeiten müsste, durch ein kompaktes, (für uns) auf einen Blick erkennbares Kürzel ersetzt wird. Diese Effekte wirken nicht bei allen Abkürzungen gleichermaßen zusammen, da es natürlich auch seltenere, ungebräuchlichere oder aus der Mode gekommene Kürzel gibt, aber die Grundtendenz geht trotz allem in diese Richtung.
Auch dem mittelalterlichen paläographischen Kürzungswesen liegt bis zu einem gewissen Grad eine Ökonomie des Schreibens zugrunde, daneben aber auch, mehr oder weniger ausgeprägt, eine Ökonomie des Beschreibstoffes. Ein mittelalterlicher Schreiber kann sich nicht nach Belieben Pergamentseiten in 500-er Paketen aus dem Druckerpapierkarton nehmen, ja sie nicht einmal einzeln vom Collegeblock herunterreißen. Jedes Stück Pergament ist eine Seite für sich, mehrere Seiten ergeben gebunden eventuell ein Buch, und mit dem Material will sparsam umgegangen sein. Der Zweck mittelalterlicher Kürzungssysteme kann daher auch darin liegen, möglichst viel Schrift (in optisch trotzdem ansprechender Form) auf materialbedingt begrenztem Raum unterzubringen, und dies bewusst auf Kosten leichterer Lesbarkeit. Unter gewissen Umständen kann das „fachgerechte“ Kürzen lateinischer Wörter aber auch zur regelrechten, vom Alltagszweck abgehobenen Kunstform werden – wie das in dieser Weise etwa ein antiker Römer niemals für möglich gehalten hätte:
“Gegen Ende des Mittelalters verwilderte das Kürzungswesen, bei zugleich immer häufigerer Anwendung. Vor allem die Kürzung durch Überschreibung (hochgesetzte Buchstaben) und durch Kontraktion wurde so übertrieben und regellos angewendet, daß der Wortlaut oft nur noch zu erraten ist. Auch der allgemeine Kürzungsstrich wurde vielfach wahllos verwendet, so daß das ursprünglich feingegliederte System nicht einmal mehr voll ausgenutzt wurde. Eine besondere Schwierigkeit für den Leser ist dabei, daß der Sinn für den ursprünglich rationalen Zweck des Kürzens oft geradezu verlorengegangen zu sein scheint: Man häuft die Kürzungen um ihrer selbst willen zuweilen derart, daß von Erleichterung und Beschleunigung des Schreibens oder auch von Platzersparnis kaum noch die Rede sein kann, solche Vorteile für das Schreiben jedenfalls durch die Mühsal beim Entziffern mehr als aufgewogen werden.”[2]
[1] Adriano CAPPELLI, Dizionario di Abbreviature latine ed italiane. Usate nelle carte e codici specialmente del medio-evo riprodotte con oltre 14000 segni incisi (Milano 6.1990).
[2] Ahasver von BRANDT, Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften (=Urban-TB 33, Stuttgart/Berlin 14.1992), S. 80.