10.5 Alles in einen Topf
Wenn wir die spezifische Kombinatorik der Variablen noch etwas weiterverfolgen, so kann es, wie schon in den Absätzen über die Kürzung angedeutet, zu beträchtlichen Überschneidungen zwischen den Variablen Schrift und Textmenge kommen. Ich habe dabei bereits den sich anbietenden Begriff der „paläographischen Textmenge“ verwendet. Zur eindeutigen Unterscheidung wäre hier am besten überhaupt ein Begriffspaar einzuführen, und zwar die beiden Begriffe:
1) paläographische Textmenge als die zahlenmäßige Menge der im vorgelegten paläographischen Text einzeln zählbaren Zeichen (Buchstaben, Zahlzeichen und Ziffern, Satzzeichen);
2) transkribierte Textmenge als die zahlenmäßige Menge der im vollständig und richtig transkribierten Text einzeln zählbaren Zeichen (Buchstaben, Zahlzeichen und Ziffern, Satzzeichen).
Der entscheidende Punkt dabei ist, dass die transkribierte Textmenge eines (wie stark immer) gekürzten paläographischen Textes stets größer ist als die transkribierte Textmenge eines ungekürzten Textes mit derselben paläographischen Textmenge.
Auch die Lesbarkeit einer paläographischen Schrift (und damit die Verstehbarkeit des Textinhalts) variiert einerseits aufgrund des Faktors Kürzung, andererseits aufgrund des Faktors Schrifttyp. (Und: Die Verstehbarkeit – oder gewisse Kenntnis – des Inhalts wirkt auf die Lesbarkeit der Schrift zurück.)
Unabhängig von den Unterschieden im Schriftbild können mittelalterliche Schrifttypen in einem konkreten Text ganz unterschiedlich stark und in den verschiedensten Finessen gekürzt sein. Allein die (hier ganz extrem vereinfacht dargestellten) Kombinationsmöglichkeiten nur zwischen den beiden Merkmalen Schrifttyp und Schriftkürzung sind Legion:
- leicht lesbarer Schrifttyp – ungekürzt,
- leicht lesbarer Schrifttyp – leicht gekürzt,
- leicht lesbarer Schrifttyp – stark gekürzt,
- mittelschwer lesbarer Schrifttyp – ungekürzt,
- mittelschwer lesbarer Schrifttyp – leicht gekürzt,
- mittelschwer lesbarer Schrifttyp – stark gekürzt,
- schwer lesbarer Schrifttyp – ungekürzt,
- schwer lesbarer Schrifttyp – leicht gekürzt,
- schwer lesbarer Schrifttyp – stark gekürzt.
Weitere potentielle Kombinationen ergeben sich noch durch (bewussten) Wechsel des Schrifttyps innerhalb eines Textes (z.B. der Wechsel zwischen einer oder mehreren Auszeichnungsschriften und einer Kontextschrift) sowie durch das oft unerwartete Phänomen der „anderen Hand“: An einem einzelnen mittelalterlichen Text muss keineswegs nur ein Schreiber allein gearbeitet haben; sogar ein Wechsel der „Hand“ mitten in einem Absatz ist in einem mittelalterlichen Skriptorium keine Seltenheit – entweder zum gleichen Schrifttyp (mit anderem Duktus) oder auch zu einem ganz anderen hin.
Und alle diese Kombinationsmöglichkeiten sind in einer typischen Prüfung am IÖG nun weiter zu verbinden mit den beiden übrigen Variablen:
-
Textmenge:
- gleiche paläographische Textmenge ergibt bei unterschiedlicher Kürzung verschiedene transkribierte Textmengen;
- ungleiche paläographische Textmenge ergibt bei gleicher wie bei unterschiedlicher Kürzung irgendwelche transkribierten Textmengen;
-
Sachinhalt:
- Politik, Recht, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Soziales, Literatur und jede sonst noch mögliche menschliche Lebensäußerung auf einem Stück Papyrus, Pergament, Papier oder welchem Beschreibstoff immer;
- vom 08/15-Thema aus einem Mittelschullehrbuch bis zur bisher unbekannten Quelle aus einem gerade neu erschlossenen Archiv.
Abgesehen von den beschriebenen verallgemeinerbaren Eigentümlichkeiten der Schriftgestaltung hat natürlich außerdem jeder schreibende Mensch in allen Jahrhunderten seinen ganz individuellen Duktus und Stil und manch einer noch dazu wenig Verständnis schon für seine eigenen Zeitgenossen – wie anders wäre so manches handschriftliche Rezept heutiger „Götter in weiß“ zu erklären, für dessen Entzifferung man zweifellos eher Pharmazie denn Geschichte studieren sollte!
Warum also sollte daher, wenn zehn oder zwanzig Leute prinzipiell verschiedene Aufgaben erhalten sollen, ein Prüfer am IÖG den hirnrissigen Versuch unternehmen,
- in variierenden Kürzungssystemen Zeichen und Zeilen „exakt“ zu zählen,
- die Lesbarkeit unterschiedlichster Schriften „gerecht“ abzuwägen und
- die Komplexität total verschiedener Sachinhalte zu „objektivieren“?
Ein Prüfer in den einschlägigen Fächern, der nicht im absoluten Chaos enden will, kann nur bestrebt sein, von der ersten Variablen, den tatsächlichen Fähigkeiten jedes Kursteilnehmers oder Studierenden am IÖG, möglichst bald möglichst genaue Kenntnis zu erlangen, um die Quadratur des Kreises gar nicht erst versuchen zu müssen.
Wenn dann auch noch alles einigermaßen „normal“ abläuft, weil es nämlich so hingezirkelt wurde, wie ein IÖG-Direktor sich das im Sinne von Ordnung und Unauffälligkeit vorstellen würde, nun – dann liegen jene „Staatsprüfungsthemen“ mit den für gewöhnliche Sterbliche unlesbaren Schriften und den offensichtlich oder verdeckt riesigen Textmengen zumeist vor den bekannten „Stars“, während den Otto Normalverbrauchern ihren Fähigkeiten entsprechend angepasste größere oder kleinere Happen vor die Nase gesetzt werden – fast schon wie einem Hündchen, sei es zur Belohnung, zum Ruhigstellen oder zur Dressur.