10.6 Nochmal drübergestreut
Fassen wir zusammen: Der Schwierigkeitsgrad einer Schrift konstituiert sich aus einer Vielzahl von Kriterien, die jeweils völlig unterschiedlich gewichtet sein können. Von absoluten Spezialbereichen wie etwa alten Kurzschriftsystemen, mittelalterlichen Geheimalphabeten und auch dem gesamten Bereich der Kryptographie einmal völlig abgesehen, liegt ein Hauptkriterium der Schwierigkeit einer dem „normalen“ Schreibwesen zugehörigen Schrift zunächst natürlich immer im jeweiligen Schrifttyp, der irgendwo in einem weiten Bogen zwischen Capitalis und Litterae caelestes zu verorten ist – also zwischen dem Niveau der ersten Klasse Volksschule und dem, was für normale Menschen zumeist unlesbar bleibt.
Ein weiteres Kriterium ist klarerweise der individuelle Schriftduktus, der irgendwo zwischen einer gestochenen Schönschreibübung und der Klaue eines betrunkenen Hufschmieds zu liegen kommt. Ist etwa das Geschäftsschrifttum einer Zeit, wie es sich beispielweise im Aktenmaterial von Ämtern und Behörden finden lässt, zumeist in einer noch relativ standardisierten äußeren Form verfasst, die zumindest den Zeitgenossen das leidliche Mitlesen ermöglichen sollte, so können aber die Individualschriften desselben Zeitalters, die nur dem momentanen Eigengebrauch, raschen Notizen oder der brieflichen Kommunikation mit Freunden und Verwandten dienen sollen, schon dem Hausfremden als schlimmste Schmiererei erscheinen. Abgesehen von der jeweiligen stilistischen Grundabsicht, die im künstlerischen Formgebungswillen genauso liegen kann wie in der Belanglosigkeit einer mehr oder weniger zufälligen Buchstabenspielerei, so spielen weitere personenbezogene Faktoren eine gewichtige Rolle wie etwa das Lebensalter, die körperliche Verfassung und der Gemütszustand des Schreibenden. Daneben können auch noch zusätzliche Umstände wirksam werden wie etwa eine unnatürliche oder gezwungene Körperhaltung, dann natürlich der Ort der Abfassung (Minimumvariation: in einem Gebäude / im Freien bei Sonnenschein / in dunkler Nacht bei Kanonendonner, Mündungsblitz und Dauerregen) sowie nicht zuletzt auch die durchaus mögliche Beeinflussung durch andere Personen – durch einen Rempler an den Ellbogen genauso wie durch den dezenten Hinweis auf die fortgeschrittene Stunde. Und schließlich lässt sich natürlich immer die eine (sinnlose) Frage stellen: War der Schreiber am Ende mit seiner inhaltlichen, stilistischen und paläographischen Leistung zufrieden, oder hätte er, wenn er mehr Zeit und Muße gehabt hätte, das Ganze ins Ofentürl geworfen und noch einmal neu begonnen?
Beim flüssig-kursiven Schreiben können zudem Buchstabenverbindungen eine gewichtige Rolle spielen.
Wenn Sie z.B. ein s und ein t nacheinander auf dem Computer tippen, dann haben Sie mit dem runden s einen halbhohen und mit dem t einen hohen Buchstaben. Wenn Sie aber statt dessen das s und das t nacheinander mit der Hand in einem mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Schrifttyp aufschreiben würden, der neben dem runden s auch ein langes s oder sogar nur ein langes s kennt, dann könnte es sein, dass das lange s und das hohe t an ihren oberen Enden durch den Schreibfluss eine Verbindung eingehen und gewissermaßen zusammenwachsen. Das nennt man eine Ligatur.
Wenn Sie nun (bitte nicht an einer Originalquelle!) diese Ligatur von s und t mit der Schere in der Mitte durchschneiden würden, dann hättten Sie wieder zwei getrennte Buchstaben, ein s und ein t.
Wenn Sie andererseits ein N und ein T nacheinander auf dem Computer tippen, dann haben Sie zwei große Blockbuchstaben. Wenn Sie aber statt dessen mit der Hand ein N in Capitalis aufschreiben und zusätzlich auf das obere Ende seines rechten Außenschaftes einen waagrechten Balken daraufsetzen würden, dann würde ein Doppelbuchstabe aus N und T entstehen. Das nennt man einen Nexus litterarum.
Wenn Sie nun (bitte nicht an einer Originalquelle!) diesen Nexus litterarum von N und T mit der Schere in der Mitte durchschneiden würden, dann hätten Sie aber nicht zwei getrennte Buchstaben, sondern zwei Buchstabenruinen, weder ein ganzes N noch ein eindeutiges T.
Der Buchstabenverbund der Ligatur enthält zwei Buchstaben in zwei Zeichen. Der Buchstabenverbund des Nexus litterarum enthält zwei Buchstaben in einem Doppelzeichen. Die transkribierte Textmenge sowohl der Ligatur als auch des Nexus litterarum bestünde also jeweils ganz eindeutig aus zwei Zeichen.
Unabhängig von durch das Phänomen als solches in der jeweiligen Prüfungsaufgabe möglicherweise zusätzlich auftretenden Leseschwierigkeiten würde sich aber außerdem die Frage stellen: Wie groß ist die jeweilige paläographische Textmenge? Bei der Ligatur wohl ebenfalls zwei Zeichen – aber beim Nexus litterarum?
Von keineswegs unbeträchtlicher Bedeutung ist auch die Frage der Schriftgröße: Am leichtesten lesbar ist immer eine bestimmte Durchschnittsgröße und -höhe der Schrift, und je größer die Abweichung von diesen Normalmaßen ist, desto mühsamer und anstrengender wird das Lesen. Je kleiner die Schrift ausfällt, desto schwerer werden die Formdetails des einzelnen Buchstaben sowie auch der Buchstabe im ganzen erkennbar, und ab einer bestimmten Kleinheit ist das Lesen dann nur noch mit einer entsprechend starken Lupe möglich.
Je größer und höher die Schrift aber in der Weise ausfällt, dass die Buchstaben nach oben und unten unverhältnismäßig in die Länge gezogen werden, desto schwieriger und unter Umständen nur noch unter Zuhilfenahme von Markierungsnadeln ist es möglich, die Oberlänge eines Buchstaben mit der tatsächlich zugehörigen Unterlänge in Verbindung zu bringen. Dieses Phänomen kennt man auch von den Bilderrätseln in Kinderzeitschriften, bei denen das Auge etwa dem Verlauf von fünf ineinander verschlungenen Wasserleitungen folgen und am Ende den richtigen Wasserhahn finden muss, und es tritt bei paläographischen Schriften bevorzugt in der Diplomatik auf, da bei vielen großen Urkunden die erste Zeile als Auszeichnung in „Elongata“ („Verlängerter Schrift“) verfasst ist: Buchstabe für Buchstabe eng nebeneinander auseinandergezogen wie die Kaugummis.
Ein absolut hochrelevantes Kriterium der Lesbarkeit ist die antike, dann vor allem die mittelalterliche, zum geringeren Teil auch noch die frühneuzeitliche Schriftkürzung, also das bewusste Weglassen von kleineren oder größeren Wortteilen zwecks Schreibökonomie und/oder Raumgewinnung unter Beachtung gewisser oder auch unter gänzlicher Nichtbeachtung jeglicher Konventionen. Sind bereits alle anderen Kriterien der Lesbarkeit immer auch im Zusammenhang mit dem Textinhalt zu sehen, so tritt dieser Effekt bei der Kürzung noch stärker hervor, da das Weglassen von Wortteilen text- und damit auch sinnreduzierend wirkt. Da der Textinhalt immer in einer konkreten Sprache verfasst ist, im Mittelalter nahezu ausschließlich in Latein, verschränkt sich die Textreduktion der Kürzung gleichzeitig mit der zugehörigen Grammatik, hier also mit der lateinischen Wortstammbildung, Konjugation und Deklination.
Ein Merkmal vor allem antik-lateinischer Texte ist zudem die fehlende Wort- und Satztrennung, also das Nichtvorhandensein einer Interpunktion und die oft völlige optische Nichterkennbarkeit des einzelnen Satzendes wie auch des einzelnen Wortendes innerhalb einer ellenlangen lateinischen Textwurst. Und letztlich kann ein lateinischer wie auch ein sonstiger Text immer auch nur als mehr oder weniger vollständiges Textfragment (man denke etwa an ein Bruchstück einer Inschriftentafel) vorliegen, wodurch ebenfalls eine Text- und Sinnreduktion entsteht, die auch die Lesbarkeit des verbliebenen Textrestes massiv beeinträchtigen kann.
Einer Sache muss man sich jedenfalls bewusst sein: Den tatsächlichen Unterschied zwischen zwei verschiedenen Prüfungsaufgaben, die paläographische Schriften enthalten, kann im Zweifelsfalle nur ein einschlägig geschulter und entsprechend erfahrener, in den Historischen Hilfswissenschaften qualifiziert ausgewiesener Experte feststellen. Aber in Wirklichkeit gibt es ja keinen Unterschied, denn am IÖG muss jeder alles können.