10.7 Desiderat des Geschichtestudiums
Gemessen an diesen hier beschriebenen Phänomenen sind die Ausbildungsbestrebungen, Lehrmittel, Unterrichtskonzepte und fachdidaktischen Fähigkeiten des am IÖG agierenden Personals der blankeste Hohn – und können ohnenhin nur durch das beständige Zinken von Prüfungen mühsam kaschiert werden! Um sich einfach nur eine Schrift auf den Tisch knallen zu lassen nach dem Motto: Da hast du, und nun mach, wie du glaubst – dafür braucht man wahrlich keine dreijährige Ausbildung. In diesem Stil lesen Zigtausende Historiker rund um die Welt ihre Quellen, ohne auch nur zu wissen, wie man IÖG schreibt!
Es ist natürlich klar: Eine echte und systematische Lehrtätigkeit im Sinne einer rational-kritischen Vorgangsweise erfordert eine eingehende fachliche Beschäftigung mit didaktischen Prinzipien, die das Personal am IÖG gedanklich nicht einmal nachvollziehen könnte, die im Gegenteil mit dem Motto „Jeder muss alles können!“ seit 150 Jahren ganz bewusst ausgeblendet werden – und daher einen systematischen Lehr- und Lernprozess schon von dieser Seite her grundlegend zunichte machen.
In jedem Falle sind Fragen zu den Konstruktionsprinzipien der einzelnen Buchstaben zu stellen: Wurde der Buchstabe in einem Zug geschrieben, oder wurde die Feder dabei abgesetzt? Wie oft und an welchen Stellen wurde die Feder abgesetzt? Wie verläuft die Schreibrichtung des Buchstabens? Verläuft sie bei allen Buchstaben gleich? Wo endet bei einer Ligatur der eine Buchstabe genau, und wo beginnt der nächste? An welcher Stelle der verschlungenen Linien hat der Schreiber angefangen, und an welcher hat er aufgehört?
Die Antworten auf alle diese Fragen hat zunächst einmal der Lehrende vorzugeben – wenn er sie selber überhaupt weiß. Und ob er sie überhaupt weiß, darauf hin ist er auf Herz und Nieren zu überprüfen! Nur weil einer selbst Tore schießt, ist er noch lange kein Fußballtrainer, und nur weil einer bis zu einem gewissen Grad alte Schriften lesen kann, ist er noch lange kein Paläographielehrer. Erst wenn der Lehrende die ausreichenden Antworten vorgegeben hat, dann kann er die genau entsprechenden Fragen prüfen – und nicht mehr. Die Antworten auf alle diese Fragen stehen aber nicht auf rasch hingeworfenem Kopierpapier, sondern müssen in einem fachspezifischen methodisch-didaktischen Prozess schrittweise erarbeitet werden.
Bei Studienrichtungen, in deren Mittelpunkt gesprochene Kommunikationsformen stehen, wie Anglistik, Romanistik usw. finden schon seit Jahrzehnten, als gäbe es nichts Natürlicheres auf der Welt, sogenannte „Sprachlabors“ Verwendung. Bei einer Studienrichtung, in deren Mittelpunkt geschriebene Kommunikationsformen stehen, wie in den Historischen Hilfswissenschaften – müsste da im Rahmen einer zeitgemäßen Ausbildung nicht eigentlich ein „Schriftlabor“ Verwendung finden, in dem all jene Mittel ausreichend zur Verfügung stehen, die man für die systematische Beantwortung der oben genannten Fragen braucht, angefangen bei den dioptriestarken Lupen mit integrierten Leselampen? Dann Tintenfässer, Federkiele und die nötigen Zuschneidmesser dazu, um den alten Federschwüngen so richtig auf die Spur kommen zu können? Und synthetischer Pergamentersatz, um die Schreibwerkzeuge dann auch authentisch anwenden zu können?
Labor hin oder her, die beständig zu stellende Kardinalfrage ist immer die: Warum ist gerade diese Schrift schwieriger zu lesen und jene leichter? Denn kann der Grund für eine auftretende Leseschwierigkeit einmal rational erkannt und in der Folge verbal ausgedrückt werden, dann lässt sich auch systematisch nach einer besseren Annäherung an die Schrift suchen, und sei es im konkreten Falle bloß in der Weise, dass man etwa feststellt: Diese spezielle Schrift ist für das Lesen mit freiem Auge zu klein (was man ja etwa auch von bestimmten modernen Vertragsformularen her kennt), daher ist eben zum Lesen zumindest eine Lupe unbedingt erforderlich. Oder: Bei jener Schrift sind alle Kurzschäfte derart gleichmäßig parallelisiert, dass dadurch m, n und das noch punktlose i nicht auseinanderzuhalten sind; die Schrift ist daher an solchen Stellen nur über den erkannten Wortsinn erschließbar. Oder: Diese Schrift ist von einer so gewollt-stilisierten Gebrochenheit, dass gewohnte komplette Buchstaben visuell nicht mehr erfassbar sind; man kann daher nur versuchen, sich die verbliebenen Fragmente einzuprägen und an diesen neu lesen zu lernen. Oder letztlich eben auch: Die Kürzung wird bei dieser Schrift so übertrieben und regellos angewendet, dass der Wortlaut überhaupt nur noch zu erraten ist.
Die generelle Ausschaltung dieser Frage hingegen mit der Idiotensentenz „Jeder muss alles können!“, um den Leuten auf diese Weise Angst zu machen, den nicht ausreichend anpassungswilligen Teil möglichst frühzeitig hinauszugraulen, dafür aber den als formbar betrachteten Rest zur Unterordnung unter eine autokratische Fachauffassung zu veranlassen und jede Prüfung und Notengebung zum dankeswürdigen Geschenkempfang umzufunktionieren, schaltet zwangsläufig auch jegliche rationale Annäherung an die Schrift aus. Diese Idiotensentenz ist aber gleichzeitig die einzige vorgebliche Existenzberechtigung des „elitären“ IÖG, was daher nichts anderes bedeutet als diesen einfachen Schluss: Eine systematische Ausbildung in Paläographie durch kritisch-rationale Annäherung an den komplexen Gegenstand Schrift einerseits und das Institut für Österreichische Geschichtsforschung andererseits schließen einander gegenseitig kategorisch aus! Wenn man den höheren Vorgang menschlichen Lernens als die verstandesmäßige Erhellung des bisher Dunklen begreift, dann steht das IÖG für die irrationale Vernebelung des von Natur aus Klaren.