2.2 Lateinische Paläographie (Winfried Stelzer)
Stelzer begann seine Vorlesung, die zweimal wöchentlich im Institutshörsaal stattfand, im Oktober 1998 zunächst mit einer allgemeinen Einführung, in der die theoretischen Grundlagen der Schrift und des Schreibens behandelt wurden, wie etwa Schreib- und Beschreibstoffe, Finger- und Armhaltungen, Geschichte und Begrifflichkeiten der Paläographie, verwandte Disziplinen etc. Nach einem guten Monat folgte dann der eigentliche paläographische Teil, in dem die Schriftentwicklung von der antiken Capitalis bis zu den gotischen Schriften und zur humanistischen Minuskel dargestellt wurde. Auffallend war, ohne dass ich es damals weiters hätte deuten können, dass Stelzer sich in diesem Moment hinter dem Pult, das er nicht allzu weit überragte, aufplusterte wie ein Gockel.
Methodisch ging dieser Teil im Lauf der Monate dann so vor sich, dass Stelzer zu jedem neuen Schrifttyp einen mehr oder weniger ausführlichen Vortrag hielt (Lieblingssatz: „Dasselbe in grün!“ – ich habe leider nicht von Anfang an mitgezählt) und am Ende der Stunde zumeist vier oder fünf kopierte Texte austeilte, die bis zur nächsten Vorlesung vorzubereiten waren. Der einzige didaktische Ratschlag, an den ich mich in zwei Semestern Lateinische Paläographie erinnern kann, war der, man solle sich bei jeder neuen Schrift, mit der man es zu tun bekommt, auf einer selbst angefertigten Musterleiste handschriftlich deren spezifisches Alphabet herausarbeiten, um einen einmal erkannten Buchstaben nicht mehr verlieren oder verwechseln zu können.
Am Beginn der nächsten Einheit wurden dann anhand der ausgeteilten und auf diese Art mehr oder weniger gut vorbereiteten Texte einzelne Leute zum Lesen aufgerufen – natürlich nachdem die daheim zumeist angefertigten Transkriptionsversuche weggeräumt worden waren. Paläographische Lesefehler, aber auch Schwächen in der Beherrschung der lateinischen Sprache quittierte Stelzer des öfteren mit anzüglich-höhnischen Bemerkungen. Als etwa der Kollege Dr. Gröger den Plural von „Nexus“ einmal irrtümlich mit „Nexi“ bildete, kommentierte Stelzer schneidend: „Ein Nexus, zwei Nexus – das war peinlich!“ Irgendetwas in der Art, dass etwa eine schriftliche Übungsaufgabe gegeben, dann abgesammelt, verbessert zurückgegeben und besprochen worden wäre, kam nicht vor. (Einzelne schriftliche und dann kopiert wieder ausgeteilte Aufgaben sollte es erst in der Vorlesung „Editionstechnik“ geben, dort allerdings nicht mit Lateinischer Paläographie als Inhalt.)
Eines Tages nahm Stelzer wieder einmal mich zum Lesen dran, wir standen in der Geschichte der lateinischen Schrift, vielleicht knapp über der Halbzeit, gerade bei der hochmittelalterlichen italienischen Beneventana, in diesem Falle vom Typ Monte Cassino, der sich durch eine starke „Pseudobrechung“ und einen ausgeprägten „Balkeneffekt“ auszeichnet (der andere ist der etwas rundere Bari-Typ). Ich las langsam und ohne Hast, damit eine kleine Nachdenkpause nicht gleich als Unwissenheit gedeutet werden konnte, bemühte mich auch, das Latein ansprechend zu artikulieren, und las zunächst Zeile um Zeile dieser vom Schriftbild her nicht allzu schweren Schrift eigentlich fast ohne Fehler. Dann kam die für mein Auge kritische Stelle: Ich war mir nicht sicher, ob es zwei oder doch drei Buchstaben waren. Links stand ein hoher senkrechter Schaft, von dessen Mitte zunächst ein Strich nach rechts führte und sich dort nach schräg oben und schräg unten in zwei Äste gabelte. Neben dieser Konstruktion stand ein weiteres hochschaftiges Zeichen, das in seiner oberen Hälfte von einem kurzen Strich gekreuzt war.
Das Ganze sah für mich aus wie ein großes I, das mit einem eher eckigen c verbunden war und entweder von einem t oder einem durchkreuzten l flankiert wurde. Gegen die Theorie vom t sprach, dass alle anderen t in diesem Text allerdings ganz anders gebaut waren, aber auch das mögliche l konnte ich mit dem vermeintlichen I und c nicht sinnvoll in Verbindung bringen. Was ich nicht erkannte: In Wirklichkeit war das I mit dem c kein I mit einem c, sondern tatsächlich ein vom Schreiber genau so und nicht anders gewolltes k, und das scheinbare Sonder-t war nichts anderes als ein l mit einem hier wirklich quer durch den Buchstaben gezogenen Kürzungsstrich. Meine Nachdenkpause wurde lang und länger, und schon hörte ich es leise von mehreren Seiten: „Kalendas, pssst, Kalendas!“ Endlich blickte ich durch: „O.k., wenn ’s ein k ist, dann heißt ’s Kalendas!“ Darauf grinsend Stelzer: „Was soll ’s denn sonst sein?“ Ich hätte in diesem Moment nicht ehrlicher und gleichzeitig belustigter antworten können: „Pfff, I-c-l ...“ Stelzer hat mich nie wieder zum Lesen aufgerufen.