2.3 Schriftenkunde der Neuzeit (Leopold Auer)

Auer startete im Oktober 1998 dort, wo Stelzer Anfang Juni 1999 endete, nämlich bei  der spätgotischen Kursive einerseits und der Humanistenschrift andererseits, und erreichte Anfang Juni 1999 das 20. Jahrhundert; daneben behandelte er auch Randbereiche wie etwa Stenographiesysteme und Geheimschriften der Neuzeit, die allerdings nicht geprüft wurden. Auers Vorlesung, die ebenfalls zweimal wöchentlich stattfand, war gerade in den Anfangswochen von einer wirklich betonten Unfreundlichkeit geprägt – vor allem sprach er offenbar absichtlich so schnell, dass ein sinnvolles Mitschreiben zunächst fast unmöglich war und der theoretische Teil des Vorlesungsstoffes dadurch einem gewissen „Datenverlust“ unterlag, den man unter Umständen bis zur Aufnahmsprüfung mitschleppte. Schließlich forderte der Kollege Roland Steinacher dann Auer einmal ganz unverfroren auf, das eben Gesagte doch gefälligst langsam zu wiederholen: „... wenn Sie so freundlich wären!

Je mehr Zeit allerdings verging (etliche Leute hatten inzwischen aber schon aufgegeben), desto zuvorkommender wurde tatsächlich Auers Präsentation des Stoffes! Auch er verteilte regelmäßig kopierte Schriftbeispiele, die bis zum nächsten Mal zum möglichst flüssigen Lesen vorzubereiten waren, so etwas wie verbesserte Hausübungen gab es aber auch hier nicht – wie in der Folge auch in keinem einzigen Fach des Hauptkurses. Allerdings war vom Honorarprofessor (und in diesem Falle trotzdem Spitzenkönner) Auer auch beim größten Unsinn, den man beim Lesen einer Schrift zum Besten geben konnte, niemals ein gehässiges Wort zu hören.

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der zumeist konservativ-beherrscht und sachlich-nüchtern agierende Professor Leopold Auer vom Grundsatz her ehrlich bemüht gewesen ist, einen bestimmten Stoff zu vermitteln und sich daran dann auch bei der Prüfung zumindest so weit zu halten, als der Charakter der Materie dies zuließ. Aber das war noch nicht das Wichtigste. Wichtiger war, dass zumindest während des ersten Semesters niemand annehmen können sollte, es werde für ihn bei der Prüfung auch nur die geringste Gnade geben. Erst als Auer sich dessen persönlich sicher war, schwenkte sein Stil sukzessive um, bis er sich kurz vor der Aufnahmsprüfung in freundlichstem Lächeln und erlesener Höflichkeit erging. Jetzt konnte er mit ruhigem Gewissen passende und für jeden (auch unter Stress) ausreichend lesbare Prüfungsbeispiele auswählen. Und diejenigen „uninteressierten“ Kursteilnehmer, die schon aufgegeben hatten, waren diese persönliche Zuwendung ja ohnehin nicht wert.