3. Aufnahmsprüfung
Nachdem zwei sehr lernintensive Semester vergangen waren, während derer auch noch die beiden Sprachbeherrschungsprüfungen abzulegen gewesen waren, wurde vom 14. bis 16. Juni 1999 die Aufnahmsprüfung für den zweijährigen Hauptkurs abgehalten. Der Prüfungsvorgang als solcher ist höchst formalisiert, und die Prüfungen finden stets im Hörsaal des Instituts statt, der etwa die Größe des Klassenzimmers einer Schule hat.
An der Front des Saales, unmittelbar vor der Tafel, befindet sich dann der Bereich der Prüfungskommission, die, an drei oder vier aneinander gereihten Tischen sitzend, direkt in den Saal hinein blickt. In der Mitte des Saales hingegen werden zwei Tische so zusammengestellt, dass der jeweilige Prüfer und der gerade an die Reihe kommende Prüfling einander gegenüber sitzen, und zwar mit Blickrichtung quer zum Hörsaal. Im hinteren Bereich des Saales steht dann noch ein einzelner Tisch zumeist mit Blickrichtung zur Wand, der dem nächsten Prüfling in der alphabetischen Reihe zur Vorbereitung dient.
Während also gerade die eine Prüfung beginnt, die dann rund fünfzehn Minuten dauert, hat in derselben Zeit der nächste Kandidat Gelegenheit, sich auf seine Fragen vorzubereiten und sich dazu allenfalls ein paar Notizen zu machen. Bei den Prüfungen etwa in den beiden Paläographien bedeutet das, dass ihm zumeist ein kopiertes Blatt mit ein paar Zeilen einer paläographischen Schrift vorgelegt wird, die er einerseits entziffern und lesen und andererseits nach Schrifttyp, Zeit und Gegend bestimmen soll; dazu kommen dann außerdem noch in maschinschriftlicher Form zwei inhaltlich zu beantwortende Zusatzfragen. Ein Vergleich mit den Prüfungsaufgaben der anderen Kandidaten ist nicht möglich.
Der besondere Effekt des gesamten Verfahrens liegt darin, dass jeder Kandidat im Laufe eines ganzen Tages mündlich viermal geprüft wird, was bedeutet, dass es an diesem Tag bis nach der vierten von vier Prüfungen, für einzelne Kandidaten unter Umständen bis zu zehn Stunden lang, keinen Gedanken an ein seelisches Ausruhen oder geistiges Abschalten gibt. Ein zweiter wesentlicher Stressfaktor besteht außerdem darin, dass gerade in den paläographisch arbeitenden Fächern die zu erwartende und vor aller Augen zu lösende Prüfungsaufgabe nicht prognostizierbar ist. Angstzitternde (männliche) Kandidaten, alles gesehen.
Da ich selbst mich während der zwei vorangegangenen Semester so gut wie möglich vorbereitet hatte, fühlte ich mich am Prüfungstag durchaus wohl.