3.1 Merkwürdige Erlebnisse

Tatsächlich konnte ich auch die Prüfungen aus „Österreichische Geschichte“ und „Verfassungsgeschichte des Feudalzeitalters“ mit „Sehr gut“ ablegen, wobei ich hier sogar in beiden Fällen der Beste gewesen sein dürfte. Bei Häusler etwa strich ich von den drei zur Auswahl stehenden Themen die undankbare Frage „Keltische Kulturen in Österreich“ weg, danach blieben mir mit „Maximilian I. und Burgund“ sowie den Türkenkriegen zwei für mich ideale Themen, für die ich einen rasterartig vorbereiteten Erzählfluss plus Reservedetails in petto hatte.

In „Schriftenkunde der Neuzeit“ erhielt ich zwar nur ein „Gut“, da ich eine Zusatzfrage über neuzeitliche Drucker nicht vollständig beantworten konnte, aber ich habe die Schuld daran damals nicht wirklich bei mir gesucht; und für ein Stipendium lag ich wohl immer noch im Rennen. Dann folgte die Prüfung aus „Lateinische Paläographie“, und ich dachte mir zunächst nichts dabei, dass der Prüfer, Prof. Winfried Stelzer, eine halbe Stunde zu spät kam. Erschrocken war ich erst, als mir das Prüfungsbeispiel vorgelegt wurde, für dessen Vorbereitung ich 15 Minuten Zeit hatte: Die Schrift war so winzig klein, dass ich sie kaum irgendwie entziffern konnte, und das Schlimmste – ich konnte sie auch nicht bestimmen.

Stelzer hatte uns erst wenige Wochen zuvor zwei spätmittelalterliche Urkundenschriften präsentiert, nämlich „Trecento 1“ und „Trecento 2“, und ich konnte die gesamte Prüfung lang nicht herausfinden, welche von beiden es war. Wie mir heute klar ist, war es keine von beiden – es gibt einfach noch eine Variante, doch die war weder erwähnt noch hergezeigt worden. Die Prüfungsaufgabe blieb mir somit ein undurchschaubares Rätsel, und im Hinblick auf die Note rechnete ich bereits mit dem Schlimmsten.

Durchaus erstaunt war ich daher, als ich dann hörte, ich hätte ein „Befriedigend“ erhalten und sei anstandslos in den Hauptkurs aufgenommen worden. Offenbar war es für die restliche Prüfungskommission so offensichtlich gewesen, dass ich absichtlich hereingelegt worden war, dass Stelzer nicht einmal ein „Genügend“ durchsetzen konnte und daher am Ende für mich ein „Befriedigend“ ausgeschnapst wurde. Die Chance auf ein Stipendium hatte ich damit allerdings verloren, und vielleicht wäre es klug gewesen, den Kurs damals einfach abzubrechen; ich wollte jedoch nicht ohne weiteres aufgeben.