3.1.1 Trecento oder nicht?
Es ist ja niemals so gewesen, dass etwa im 14. Jahrhundert irgendein kreativer Mensch, vielleicht ein Signore Trecento, auf die Weltbühne getreten wäre und gesagt hätte: Ich erfinde jetzt zwei neue Urkundenschriften, die eine nenne ich „Trecento 1“, die andere „Trecento 2“. Trecento 1 hat ein doppelstöckiges a, ein einfaches g, daneben segelartige Oberlängen und tiefe Ausschwünge; diese Schrift soll es von 1320 bis 1380 geben. Trecento 2 wiederum hat nur ein einfaches a, auch ein einfaches g, diesmal aber mit offener Schlinge und zur Verzierung lustige „Spinnweben“ am Schluss der Buchstaben; den gültigen Zeitraum für diese Schrift lege ich mit 1320 bis 1420 fest.
Nein, sondern im 14. Jahrhundert haben Menschen so geschrieben, wie es ihnen aufgrund einer jahrhunderte- und jahrtausendelangen Schrifttradition aus dem Gehirn und aus den Händen geflossen ist. Und sechs Jahrhunderte später hat dann ein Herr Heinemeyer, der das 14. Jahrhundert quellenmäßig ein wenig kannte, gesagt: In diesem Wust von Schreibereien, die damals von Menschen abgeliefert wurden, erkenne ich zwei besondere Typen, und weil in der Paläographie fremdsprachliche Bezeichnungen immer besonders gelehrt erscheinen, nenne ich zur besseren wissenschaftlichen Systematisierung den einen Typ „Trecento 1“ und den anderen Typ „Trecento 2“ – ich will aber nicht ausschließen, dass man unter anderem Blickwinkel auch noch andere Typen finden könnte.
Wenn dann aber Sie als selbst nur im 19. Jahrhundert arbeitender Historiker in gutem Glauben einen sogenannten „Ausbildungskurs“ besuchen und einen Monat vor der sogenannten „Aufnahmsprüfung“ präsentiert ihnen der zuständige Ausbilder Trecento 1 und Trecento 2, und er zeigt ihnen von jedem genau ein fotokopiertes Blatt – was nehmen Sie dann wohl an?
Stelzer wusste von mir, dass
- ich bei der Sprachbeherrschungsprüfung aus Latein ein „Sehr gut“ erhalten hatte,
- in irgendeiner Abteilung des Staatsarchivs gearbeitet hatte,
- es von mir zwei gedruckte Bücher gab,
- ich keine Angst vor ihm hatte.
Der krankhafte Rest ist in seinem Kopf entstanden.
Trecento 1
Trecento 2