3.2 Hinter den Kulissen
Dass meine Note in Wahrheit unter Konflikten zustande gekommen sein musste, war mir damals noch lange nicht einsehbar. Als die Prüfungskommission nach längerer Beratung wieder im Licht der Welt erschienen war, um die Endergebnisse zu verkünden, da erschien sie wie ein Herz und eine Seele. Ein nur leicht bedrückt wirkender Professor Wolfram gab mir die Hand: „War sehr in Ordnung!“, während ein schelmisch blickender Professor Stelzer mir ins Gesicht grinste: „Gratuliere!“
Es ist nun einmal so: Bei beiden Paläographien, der mittelalterlich-lateinischen wie auch der vielsprachig-neuzeitlichen, ist beim direkten Kontakt zwischen Lehrendem und Studierendem ein zentraler Effekt schlichtweg niemals zu verhindern; der spätere „Prüfer“ braucht nichts anderes zu tun, als Sie lesen zu lassen und Ihnen dabei zuzuhören: Wie weit kommen Sie in der ersten Zeile, bis Sie das erstemal hängen bleiben? Wann bleiben Sie das nächstemal hängen? Wie oft bleiben Sie insgesamt hängen? An welchen Stellen bleiben Sie immer wieder aufs neue kurz hängen, obwohl Sie sie doch eigentlich längst „gewohnt“ sein müssten? Und über welche Stelle kommen Sie nur dann drüber, wenn Ihnen ihr Sitznachbar leise vorsagt? Wenn der Sie in zwei Semestern zehnmal zum Lesen drangenommen hat (und kein völliger Spinner ist), dann weiß er haargenau, was Ihr Gehirn bei welchem Schriftgewirr zu leisten imstande ist.
Und was man beim ersten Augenschein vielleicht noch als eine der anspruchsvollen Materie möglicherweise angemessene Härte wahrzunehmen gewillt ist, entpuppt sich bei näherer Betrachtung bei Stelzer als autotherapeutische Kompensationshandlung, bei Auer als ein auf den unvermeidbaren Wahrheitsmoment der Prüfung hin ausgerichtetes Schutzkalkül. Aber wie sollte ein ob so viel Gelehrsamkeit tief beeindruckter Anfänger, dem sein jahrelanges Geschichtestudium all das zur Gänze vorenthalten hat, in der Lage sein, diese Methoden zu hinterfragen? Er kann sie nur für bare Münze nehmen – sofern er nicht ohnehin rausfliegt.
Abgesehen davon, dass man das Anschauungsmaterial heutzutage fotokopieren kann, sind die Lehrmethoden des Instituts in allen Fächern seit 150 Jahren exakt die gleichen geblieben – warum sollte man sie aber auch ändern, wenn der fundamentale Erfolg dieser Methoden doch in all dieser Zeit durch Hunderte von mit majestätisch-rotem Wachs gesiegelten „Staatsprüfungszeugnissen“ eindeutig nachgewiesen ist? Was bei den Prüfungen in den paläographisch arbeitenden Fächern (der Aufnahmsprüfung wie auch der Staatsprüfung) jahrzehntelang stattgefunden hat, ist niemals auch nur ansatzweise ein Vergleich von Leistungen gewesen, sondern (in den noch günstigeren Fällen) ein ganz bewusster Ausgleich von zum Teil extremsten Begabungsunterschieden!