3.3 Stipendien-Neuverteilung
War das, was ich dann bei der Aufnahmsprüfung in „Lateinische Paläographie“ erleben sollte, eine von Stelzer derart geschickt gestellte Falle, dass ich sie damals als solche gar nicht erkennen konnte, so erhielt ich im Gegensatz dazu von Auer zum Lesen und Bestimmen ein paar Zeilen der im 18. Jahrhundert vom Schreibmeister Münch entwickelten Schrift – in ihrem eckigen Duktus optisch völlig unverwechselbar, in ihrer einzigen Variante auf einen Blick sofort zu erkennen und zu datieren sowie (zumal außerdem immer in deutscher Sprache) auch ohne besondere Übung jederzeit leicht zu lesen. Aber Auer kannte mich aus meiner Zeit im Staatsarchiv, und so konnte ich ihm ja wohl auf gar keinen Fall einen Vorwurf machen! Wenn ich Auer etwas vorwerfen wollte, dann den Umstand, dass auch er natürlich sowohl bei den anderen Prüfungsteilen als auch bei der Abschlussberatung der Prüfungskommission dabei gewesen ist und mir – wie alle anderen auch – natürlich nicht gesagt hat, welchen Haken meine Prüfung in „Lateinische Paläographie“ gehabt hatte.
Relevante Veränderungen ergaben sich bei der Aufnahmsprüfung jedoch im Hinblick auf die bisherige Stipendienverteilung. Da Stipendiat Gerhard Sarman sich bereits während des Vorbereitungsjahres mit etlichen Monatsgehältern in der Tasche freiwillig aus dem Lehrgang verabschiedet hatte, waren von den ursprünglichen sechs Empfehlungsstipendiaten nur fünf zur Aufnahmsprüfung angetreten, nämlich Peter Erhart, Gert Polster, Martin Schennach, Roland Steinacher und Norbert Weiß. Von diesen fünf verloren Peter Erhart und Gert Polster ihr Stipendium bei der Aufnahmsprüfung, dafür kamen aufgrund der Prüfungsergebnisse als neue Leistungsstipendiaten jetzt Karin Schneider, Thomas Wallnig und Andreas Zajic hinzu.
Ich selbst wiederum erlebte den Tag der Aufnahmsprüfung damals noch in dem einen und einzigen, festen und unverrückbaren Bewusstsein: Nach allem, was ich von mehreren absolut vertrauenswürdigen Leuten weiß, befinde ich mich hier in einem Tempel höchster Wissenschaftlichkeit, betreut von einem Lehrkörper, der ein solches Vertrauen der Öffentlichkeit genießt, dass er aufgrund exakter und jederzeit nachprüfbarer Prinzipien öffentliche Geldmittel als Stipendien vergeben kann, und mit absoluter Gewissheit haben alle anderen Kandidaten genau entsprechend schwere oder leichte Prüfungsaufgaben erhalten. Die gedankliche Alternative war mir undenkbar. Aber verglichen mit den Winkelzügen, die von Wolfram dann bei der Staatsprüfung veranstaltet wurden, um die in Wirklichkeit eingetretene Situation zu verschleiern und die sofortige Wiederholung eines Prüfungsteils in möglichst unklarem Licht erscheinen zu lassen, bedeutete das damalige beherrschte Minenspiel der Akteure noch das reine Understatement.
Die zeitweilige, zunächst immer nur verschwommen hochkommende und dann zumeist auch rasch wieder unterdrückte Frage: Was ist hier eigentlich los bei denen?, begann ich mir erst etwa ab der Mitte des Hauptkurses zu stellen. Denn dass man es an diesem Institut, an dem bei jeder Prüfung zur Absicherung gegen Fälschungen nur auf vorgestempeltem Papier geschrieben werden darf, mit gewissen Dingen manchmal offenbar doch nicht ganz so genau nahm, sollte mir dann im Herbst 2000 bei den vorgezogenen Staatsprüfungsteilen aus „Kunstgeschichte“ sowie „Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte“ klar werden, doch konnte es sich dabei natürlich auch um Einzelfälle handeln, aus denen ich zunächst noch gar nicht Konkretes ableiten, geschweige denn irgendwie verallgemeinern konnte. Aber noch bis deutlich nach der Staatsprüfung lebte ich in dem felsenfest verankerten Scheinbewusstsein: Wenn hier eine „Staatsprüfung“ abgehalten wird, dann muss der „Staat“ doch zwangsläufig beauftragt haben und genauestens wissen, was hier zu geschehen hat und welchem Zweck es jeweils dient! Was denn sonst?!