4. Zweijähriger Hauptkurs
Da es mir selbst nicht möglich war, ohne Stipendium noch zwei Jahre nur zu studieren, war ich gezwungen, bald wieder eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen. Ich hatte zwar das Glück, vom Dienstgeber für den Besuch der wichtigsten Lehrveranstaltungen freigestellt zu werden, doch war an ein intensives Lernen, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre, nicht mehr zu denken. Und ich konnte mir weiterhin und noch sehr lange nicht erklären, was mir bei der Aufnahmsprüfung eigentlich passiert war und warum ich in „Lateinische Paläographie“ mit einem „Befriedigend“ noch geradezu gut abgeschnitten hatte.
Aber der Kurs schritt weiter voran und war für mich trotz allem durchaus lehrreich, allein schon deshalb, weil es im regulären Geschichtestudium keine Chance und Möglichkeit gibt, mit einer derartigen Vielfalt an Schrift- und Quellentypen in Berührung zu kommen. Organisatorisch betrachtet setzte sich der Hauptkurs einerseits aus den definierten Staatsprüfungsfächern zusammen, deren Prüfung an einen Fixtermin gebunden ist, andererseits aus einer Anzahl von Nebenfächern, deren Prüfungsmodalitäten etwas lockerer gehandhabt werden, sowie drei freien Wahlfächern. Als Voraussetzung für die Zulassung zur Staatsprüfung war außerdem der Nachweis über ein vierwöchiges Archivpraktikum zu erbringen, was sich in meinem Fall recht einfach gestaltete, da mir die Karenzvertretung im Staatsarchiv angerechnet wurde. Daneben war die Teilnahme an zwei Exkursionen ins Ausland verpflichtend, und nicht zuletzt musste rechtzeitig bis zum Kursende eine schriftliche Institutshausarbeit angefertigt werden. All das zog sich jetzt über einen Zeitraum von zwei weiteren Jahren hin.
Große Bedeutung wurde von allen Angehörigen auf Geschichte und Tradition des eigenen Instituts gelegt, das 1854 mit kaiserlichem Handschreiben begründet worden war und seither in ununterbrochener Folge den berühmten „Kurs“ abhält – mit allem, was zu dieser Geschichte dazugehört, denn auch das IÖG hat die österreichische Zeitgeschichte in all ihren Dimensionen miterlebt. Eines soll der Gerechtigkeit halber an dieser Stelle gesagt werden: Einen unpolitischen Historiker gibt es vermutlich auf der ganzen Welt nicht – und einen unpolitischen Geschichteprofessor daher noch viel weniger. Und als Absolvent eines einschlägigen Studiums hat man zwangsläufig gelernt, mit den Blüten aller möglichen Richtungen umzugehen und die diversen Einstreuungen vom eigentlichen Lehrstoff zu trennen.
Am IÖG finden sich zumeist – und es ist gar nicht so leicht, den richtigen Ausdruck dafür zu finden – gewisse „konservative“ Tendenzen, dies aber in einer breiteren Interpretierbarkeit des Wortes. Im Kurs konnte man dem bisweilen auch komische Seiten abgewinnen, etwa wenn der Lehrer der Papstdiplomatik, Prof. Werner Maleczek, vor versammeltem Auditorium seiner Bewunderung des Jesuitenordens Ausdruck verlieh oder seiner Verwunderung darüber, dass „ein Sandler im Jonasreindl“ die gleichen Rechte im Staat habe wie er als Universitätsprofessor. Oder wenn uns Prof. Wolfram auf einer Exkursion nach Norditalien anhand eines antiken Mosaiks die metaphorische Bedeutung der Begriffe „links“ und „rechts“ auseinandersetzte: „Links ist die Hölle ...“ – „... damals“, wie er rasch hinzufügte.
Wie gesagt: All das kann einem gefallen oder nicht gefallen, aber es ist nicht kriminalisierbar. Bedeutung gewinnt es erst im Kontext des Prüfungswesens.