4.1.1 Diplomatik
Die Diplomatik ist jene Historische Hilfswissenschaft, die sich mit den vor allem mittelalterlichen, teils auch noch frühneuzeitlichen Urkunden und deren inneren und äußeren Merkmalen beschäftigt. Die sich über drei Semester (drei Viertel des Hauptkurses) hinziehende Diplomatik war in Lehre und Prüfung eine Art arbeitsteilige Veranstaltung von Wolfram und Maleczek – ob die Arbeitsaufteilung gerecht war, steht hier nicht zur Debatte, allerdings ist diese Überbetonung der Urkundenlehre gegenüber anderen Fächern nur aus der Tradition des Instituts heraus zu erklären und aus den realen Bedürfnissen von Historikern oder Archivaren wohl nicht so ohne weiteres abzuleiten.
Diplomatik I (Herwig Wolfram / Werner Maleczek)
Prof. Wolfram startete zunächst im Oktober 1999 mit der Kaiserurkunde und bot bis knapp vor Weihnachten Stunde um Stunde wirklich akzeptable Unterhaltung: „I gibs jo zua, i hea mi gern redn.“ Bei Wolfram, der außerdem bei jeder Gelegenheit seine ihm wirklich auf den Leib geschriebene Rolle als gütiger Direktor hervorkehrte, lernte man schon in der ersten Stunde, dass es bei ihm nur drei wirklich relevante Prügungsfragen gebe, deren exakte Antworten man allerdings unbedingt wissen müsse, um in der Kaiserurkunde sicher durchzukommen, und aufmerksame Kursteilnehmer haben dieselben natürlich wörtlich mitgeschrieben: „Ein cum am Anfang ist ein Placitum, ein Goethezitat stammt aus Torquato Tasso, und die Merowingerurkunden liegen in St. Denis.“
Der übrige geringfügige Prüfungsstoff zur Kaiserurkunde war von Wolfram höchstpersönlich in einem Skriptum übersichtlich zusammengefasst worden, und dieses gab es beim Pförtner um günstige einhundert Schillinge zu kaufen. Der Pförtner wurde auch nicht müde, gegenüber jedem hereinkommenden oder hinausgehenden Kursteilnehmer die größeren literarischen Werke Wolframs mit prägnanten, aber wissenschaftlich durchaus nicht unbrauchbaren Kurzzitaten feilzubieten: „Einmoi Konrad den Zweiten, bidde sehr!“
Diplomatik II und III (Werner Maleczek)
Nachdem Wolfram bereits zu Neujahr 2000 das fachdidaktische Feld mehr oder weniger geräumt hatte, übernahm Prof. Maleczek ab dem Sommersemester endgültig das alleinige diplomatische Regiment und arbeitete sich in der Folgezeit mit durch nichts zu beirrender Beharrlichkeit von den Papsturkunden über die englischen und französischen Königsurkunden sowie die Urkunden der österreichischen Landesfürsten bis zu den vielfältigen Formen der Privaturkunden durch. Auch hier glänzte Maleczek wieder mit seinem auf Punkt und Beistrich abgezirkelten Vortrag, der jedem Nachrichtensprecher im Fernsehen zur Ehre gereicht hätte, und natürlich teilte er immer wieder kopierte Urkunden aus, die des öfteren auch von dem einen oder anderen Kursteilnehmer gelesen wurden.
Gerade eine Papsturkunde war für Maleczek dabei keineswegs nur irgendeine Geschichtsquelle: Nein, für ihn bedeutete sie wohl so etwas wie ein Heiligtum oder ein Gesetz – oder auch beides. Und er scheint auch irgendwie angenommen zu haben, dass alle Kursteilnehmer dies genauso sehen müssten – keine Frage, dass er, Anekdote aus seiner Jugend, irgendwann einen passenden Zusammenhang fand, um ganz nebenbei auf die Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) zu sprechen zu kommen: „… da waren wir damals schon in einem Gewissenskonflikt!“
So arbeitsteilig wie die dreisemestrige Vorlesung war auch die Staatsprüfung in Diplomatik: Drei oder vier Auserwählte erhielten bei der schriftlichen Prüfung von Wolfram eine Kaiserurkunde, während die übrigen Kursteilnehmer von Maleczek aus dem nichtkaiserlichen Urkundentopf bedient wurden; bei der mündlichen Prüfung wurde diese Methode dann eben irgendwie umgedreht.
Chronologie (Andreas Schwarcz)
Hier handelte es sich um eine vollwertige einstündige Vorlesung, die aber nicht eigenständig, sondern dann quasi automatisch anhand der Urkunden in Diplomatik geprüft wurde. Die Materie als solche kann im ersten Moment zwar etwas undurchdringlich erscheinen, ist aber vom Grundsatz her trotzdem nicht allzu schwer. Wichtigstes und mehr oder weniger auch einziges Hilfsmittel in der Chronologie ist das erstmals 1898 erschienene „Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit“ des damaligen Mecklenburg-Schwerinschen Geheimen Archivrats Hermann Grotefend. In der Sprache leicht antiquiert und nach heutigen Vorstellungen vielleicht etwas unübersichtlich gegliedert, ist es nach einiger durchaus notwendiger Übung, für die Prof. Schwarcz ein ausreichendes Material anlieferte, aber ein probates Mittel der Zeitbestimmung; sobald man die blumige mittelalterliche Datumsangabe einmal lesen kann, wird man sie im Normalfall mit dem „Grotefend“ auch in ein heutiges „Format“ umsetzen können.