4.1.3 Quellenkunde (Heide Dienst)
Am IÖG wird über den Quellenbegriff als solchen nicht herumphilosophiert, und die institutstypische Quellenkunde bezieht ihre Qualität auch aus der Quantität. Die Österreichische Geschichte ist, neben den sonstigen Quellentypen, vom Mittelalter an recht reich an einer literarischen Gattung, die man sicher irgendwie als Vorläufer heutiger Geschichtsschreibung ansehen kann, die aber in der besonderen Freiheit ihrer Darstellung (die von den Zeitgenossen nicht übel genommen wurde, auch wenn der urgeschichtliche Teil aus der Bibel abgeschrieben war) einer entsprechend verständnisvollen Lesart bedarf und daher durchaus zu den Quellen im weitesten Sinne gezählt werden kann. Die Vorlesung als solche war letztlich kaum etwas anderes als eine scheinbar nicht enden wollende Aufzählung von Dutzenden und Aberdutzenden solcher Quellentitel, deren Namen am IÖG fast wie eine Sammlung kostbarer Kleinode überliefert werden, außerhalb des Instituts allerdings kaum einem Historiker bekannt sind, sofern er sie nicht tatsächlich für eine zeitspezifische Arbeit braucht.
Auch Diensts Vortrag in Quellenkunde (der sich zeitlich noch während des Vorbereitungsjahres ereignete) verursachte im Kurs zumeist eine ähnliche Qual wie der aus Verfassungsgeschichte, je nach Persönlichkeit empfunden entweder als dramatischer Fluchtinstinkt oder als tiefes Schlafbedürfnis. Nur um einen Eindruck vom Klang solcher Namen zu vermitteln, seien hier drei Vertreter der frühneuzeitlichen ständischen Geschichtsschreibung genannt, wie etwa ein Michael Gotthard Christallnick in Kärnten, ein Johann Weichard von Valvasor in Krain oder ein Johann Georg Adam von Hohenegg in Oberösterreich. Im frühneuzeitlichen Ringen zwischen Landesfürst und Ständen um politisches Gewicht waren diese Leute zumeist bemüht, einen Gegenentwurf zur landesfürstlichen Geschichtsdarstellung zu liefern, der das Herkommen und die Rechte des Landes betonte – durchaus vergleichbar mit den Unterschieden in den Geschichtsauffassungen der heutigen politischen Lager.
Jedenfalls: Solche Namen in wahren Haufen, zu jedem drei oder vier einschlägige Werktitel und ein paar Lebensdaten dazu, das Ganze auswendig lernen – mündliche Prüfung geschafft. Und da man so einen Vorgang natürlich nicht zweimal durchziehen will, musste für die schriftliche Prüfung eine andere Lösung gefunden werden – dazu kommen wir noch.