4.1.4.1 Editionstechnik (Winfried Stelzer)

Die Editionstechnik wurde im Rahmen der abschließenden Staatsprüfung im sogenannten Teil „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“ geprüft, bei dem ein lateinischer Text zu edieren ist. Überaus bemerkenswert ist dabei, dass während eines ganzen Semesters die Editionstechnik aber gerade nicht anhand von lateinischen Beispielen geübt wurde. Professor Stelzer sagte uns damals, dass er für den Übungszweck lieber deutsche Texte verwenden würde, was in Frage zu stellen mir als völligem Anfänger nicht möglich war. Welchem Lehrkonzept Stelzers Ausbildungsbemühungen folgten, blieb mir damals leider auch sonst völlig undurchschaubar, allerdings lässt sich die zugrunde liegende didaktische Absicht mit der nötigen Quellenkritik durchaus rekonstruieren, denn Stelzer hat ein Semester lang in recht abwechslungsreicher Weise den institutseigenen Kopierer malträtiert, wobei vor allem zahlreiche Kopien im Großformat A3 entstanden sind.

Es sind damals vermutlich auch einige A4-Kopien ausgegeben worden, die ich allerdings nach Kursende entweder gleich weggeworfen oder in der Folgezeit als Schmierpapier verbraucht habe. Die großformatigen Kopien aus dieser Vorlesung hingegen hatte ich beiseite gelegt, um sie gefaltet als Mappenersatz zu verwenden, dann aber bald völlig vergessen, bis mir der Rest davon im Mai 2006 in einem leicht verstaubten Zeitschriftensammler wieder in die Hände fiel. Folgende Texte (hier in umgekehrt chronologischer Reihung gebracht) liegen mir dadurch heute noch vor:

 

·         vier Artikel aus der „Presse“ vom 14.02.2000 bis 03.03.2000 mit Themen wie: Krise im Residenzverlag, Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter, Abschaffung des Frauenministeriums, „der Heilige Krieg gegen das faschistische Österreich“ (deutsch, gedruckt);

·         ein in der „Presse“ vom 29.02.2000 zitierter Artikel aus der „Frankfurter Allgemeinen“ über den damaligen „brüchigen Bann“ gegen Österreich, mit der Schlussempfehlung: „Die guten Europäer gründen eine neue Union und überlassen Haider-Österreich die alte verluderte EU.“ (deutsch, gedruckt);

·         ein Brief der körperlich und seelisch kranken Schriftstellerin Christine Lavant an ihren Arzt Dr. Otto Scrinzi vom 27.01.1972 (deutsch, in einer von Kurskollegen auf der Grundlage der Handschrift als Übungsaufgabe mit dem PC angefertigten Edition);

·         mehrere Briefe Christine Lavants an Ingeborg Teuffenbach aus der Zeit zwischen 1948 und 1964 mit banalen Alltagsthemen (deutsch, ediert);

·         ein an die Herausgeberin Lotte von Schaukal adressiertes Briefkuvert vom 05.03.1953 (deutsch, handschriftlich);

·         ein Glückwunsch des Schriftstellers Werner Bergengruen an einen Freund vom 06.11.1947 (deutsch, handschriftlich);

·         zwei Seiten aus einem Taufregister von Pinkafeld von 1797/98 (in der ungarischen neulateinischen Amts- bzw. Kirchensprache mit deutschen Namen, handschriftlich);[1]

·         einige Seiten einer im 16. Jahrhundert in frühbarocker Kursive verfassten Abschrift des aus dem 14. Jahrhundert stammenden „Liber certarum historiarum“ des Johann von Viktring (deutsch, handschriftlich);

·         einige Seiten einer modernen Edition des lateinischen Grundtextes desselben „Liber certarum historiarum“, die anscheinend als Übungsaufgabe mit der jüngeren deutschen Abschrift zu vergleichen gewesen ist (lateinisch, gedruckt);

·         zwei Seiten einer Edition des mittelhochdeutsch verfassten „Fürstenbuches“ des Jans Enikel von Wien aus dem 13. Jahrhundert (deutsch, gedruckt).

 

Was soll das alles bitteschön sein, wenn Ihnen nach einem Semester voll von solchem Brimborium, das mit dem Kern der Sache so gut wie nichts zu tun hat, dann bei der Staatsprüfung derselbe „Lehrer“ einen ellenlangen mittelalterlichen lateinischen Text mit allen (un)denkbaren paläographischen Finessen auf den Tisch legt, während er in der Vorlesung selbst die Bereiche Lateinische Paläographie einerseits und Editionstechnik andererseits aber nicht einmal irgendwie in Zusammenhang gebracht hat?



[1] Dieses Dokument dürfte als einziges nicht von Stelzer selbst stammen, sondern aus einem Referat, das der Kollege Gert Polster im Rahmen der Vorlesung über seine schriftliche Staatsprüfungsarbeit gehalten hat.