4.1.4 Editions- und Regestentechnik

Diesem Fächerpaar kommt eine mehrschichtige Bedeutung zu. Aus archivischer Sicht ist die Edition eine Möglichkeit, singuläre Quellenstücke nicht nur für Archivbenützer, sondern durch den Bearbeitungsvorgang des Edierens in gedruckter Form in Bibliotheken für jedermann zugänglich zu machen, ohne aber das wertvolle Original jedem in die Hand drücken zu müssen. Nicht ohne Grund geben daher die meisten Archive seit jeher eigene Periodika heraus, die, zumeist als „Mitteilungen des [...]-Archivs“ betitelt, in besonderem Maße solchen Publikationszwecken dienen. Für den Benützer der Edition hat das den Vorteil, dass er sich in diesem Falle die Mühe des Lesens einer alten Schrift ersparen kann (und manche alten Schriften sind auch tatsächlich nur für ein paar Auserwählte lesbar). Gerade die Mediävistik arbeitet heute bereits in nicht unbeträchtlichem Maße mit edierten Quellen, und die pergamentenen Originale freuen sich darüber; andererseits wird aber nie damit zu rechnen sein, dass etwa die papierene Aktenflut der Neuzeit, die vom 16. bis zum 21. Jahrhundert exponentiell anschwillt, jemals auch nur zu einem Mikro-Piko-Nano-Promillesatz ediert sein wird.

Gleichzeitig hat das Edieren aber auch in der Mediävistik den unvermeidbaren Nachteil, dass die äußeren Merkmale der Quelle, wie gerade eben ihre typische paläographische Schrift, dann körperliche Anhängsel wie etwa das Siegel einer Urkunde, daneben aber natürlich auch der (durchaus als Charakter, Charisma oder Charme der Quelle auffassbare) optische Gesamteindruck verloren gehen. Um alle diese Elemente (Siegel, Chrismon, graphische Zeichen, Löcher im Pergament, Buchstabenverbindungen, Wechsel des Schrifttyps, Wechsel der „Hand“, Korrekturen und Löschungen, vielleicht auch ungewöhnliche Kürzungsvarianten) dem Benützer dann auch im Druck zumindest noch irgendwie ersichtlich werden zu lassen, muss sich der Editor natürlich etwas einfallen lassen. Und hat einmal der Editor falsch gelesen oder gesehen, dann schluckt der Benützer der Edition zumeist natürlich auch den Fehler.

 

Wenn man all dies bedenkt und daneben noch in Rechnung stellt, welchen Stellenwert das Editionswesen im historischen und auch heutigen wissenschaftlichen Selbstverständnis des IÖG einnimmt (vom 3. bis 5. Juni 2004 fand anläßlich des 150-jährigen Bestehens des Instituts eine Tagung mit dem Titel „Vom Nutzen des Edierens“ statt), dann erscheinen die im 62. Institutskurs gezeigten Ausbildungsbemühungen in besonders merkwürdigem Licht.

Die Vorlesung „Editions- und Regestentechnik“ war nominell eine zweistündige Einheit unter der inhaltlichen Alleinverantwortung Stelzers. Im faktischen Stundenplan war sie jedoch auf zwei einstündige Einheiten aufgeteilt, eine unter dem Titel „Editionstechnik“, die Stelzer selbst übernahm, die andere unter dem Titel „Regestentechnik“, die er an seinen Assistenten Dr. Weigl übertrug.