4.1.5 Kunstgeschichte
Zur Kunstgeschichte ist natürlich einmal grundsätzlich zu sagen, dass sie keine eigentliche Historische Hilfswissenschaft, sondern eine völlig eigenständige wissenschaftliche Disziplin darstellt, deren Erkenntnisse der Historiker zumeist erst dann für sich heranziehen wird, wenn herkömmliche Quellen keine ausreichenden Ergebnisse mehr liefern können; somit ist sie in erster Linie für den Althistoriker und den Frühmittelalterforscher von Interesse, kann daneben aber auch jedem anderen Historiker etwa ein farbenprächtiges Titelbild für ein Buch liefern, während ihr für den typischen Tätigkeitsbereich des Archivars keinerlei praktische Bedeutung zukommt.
Als eigenständige Disziplin hat die Kunstgeschichte daher natürlich auch Ihre ganz spezifischen Methoden, Begrifflichkeiten und Theorien, die aber in einer Einführungsvorlesung für den „Kurs“ (die nichts anderes darstellt als eine im Neuen Institutsgebäude abgehaltene, sich über zwei Semester hinziehende Diashow mit Bildern von diversen Gemälden, Schlössern, Kirchen und wasserspeienden Meerjungfrauen, begleitet von einer nervtötenden Selbstdarstellung der beiden Vortragenden) natürlich nicht einmal ansatzweise zur Sprache kommen. Im übrigen sollte man wissen, dass ein Studienanfänger des regulären Studiums der Kunstgeschichte den Nachweis einer bestimmten visuellen Begabung zu erbringen hat!
Kunstgeschichte des Mittelalters (Martina Pippal)
Professor Pippal – mir fiel ständig Pippi Langstrumpf ein, ich weiß auch nicht warum – genoss es bisweilen, ihr Auditorium mit als von ihr selbst wohl als überraschend eingeschätzten Wendungen des Themas zu verblüffen; das drückte sich dann in der rhetorischen Passage aus: „Jetzt werden Sie sagen: Ist die denn verrückt?“
Ansonsten war sie natürlich auch gezwungen, ihre rein kunstgeschichtlichen Thesen chronologisch wie geographisch in genauere historische Abläufe einzuordnen. Dazu brauchte sie zwangsläufig einschlägige historische Daten, und diese brachte sie genau so, wie sie sie wörtlich ebenfalls aus dem bekannten „Zöllner“ übernommen hatte. Ich erinnere mich noch bestens an ihre mit einer die Aussage gleichsam unterstreichenden Parallelbewegung beider Hände vorgetragene Floskel zum habsburgischen Hausvertrag von Neuberg (1379), den ich selbst mir ja auch einmal dort angeeignet hatte: „... und die Neuerwerbungen im Süden an der Adria.“ (Zöllner, S. 136) – Keiner von den (neben dem Kurs) ebenfalls zuhörenden, andächtig und wohl tief beeindruckt lauschenden Kunstgeschichte-Erstsemestrigen konnte auch nur ahnen, dass sie in Wirklichkeit nicht einmal wusste, welche Gebiete das überhaupt waren.
Kunstgeschichte der Neuzeit (Artur Rosenauer)
Das besondere Kennzeichen von Rosenauers Vortrag war seine geölte und regelmäßig an Erstsemestrigen geübte Ziersprache, in der er die jeweils gerade für ein paar Sekunden an die Wand projizierten Bilder, Figuren oder Gebäude kommentierte. Dazu wurde, wie auch bei Pippal, im Anschluss an die Vorlesung um achtzig Schilling ein fotokopiertes Heft verkauft, in dem die gezeigten Objekte nochmals in Form kleiner Schwarzweiß-Bildchen dargestellt waren.
Wichtig war, dass für den schriftlichen Staatsprüfungsteil bei einem der beiden Vortragenden ein sogenanntes „Spezialthema“ zu wählen war, das dem Prüfer durch unseren Kurssprecher Thomas Wallnig bekannt gegeben wurde. Worin der Sinn des „Spezialthemas“ lag, wenn dann beim mündlichen Prüfungsteil ohnehin alles geprüft wurde, ist mir damals nicht klar geworden, aber ich machte mich auf die Suche nach einem passenden Thema. Da ich mich selbst nie zuvor mit Kunstgeschichte beschäftigt hatte und etliche mögliche Themenbereiche rasch von den Kollegen okkupiert worden waren, verfiel ich schließlich auf Architektur, und da ich selbst überhaupt kein Anhänger barocker Formen und schon gar nicht barocker Kirchen bin, wählte ich das Thema „Architektur des 18. Jahrhunderts“ – des säkularen Jahrhunderts der Aufklärung. Am 18. Oktober 2000 fand dann für diesen vorgezogenen Staatsprüfungsteil eine Vorbesprechung mit Rosenauer und Pippal statt, bei der ich vor versammeltem Kurs zusätzlich darum ersuchte, mein Thema auf jeden Fall nach unten hin mit dem Jahr 1683 zu begrenzen.