4.1.6 "Archiv"-Fächer

Da es in dem dem traditionellen „Kurs“ nachfolgenden Magister- bzw. Masterstudium dann Vorlesungen mit dem Titel „Archivwissenschaft(en)“ gab, ist wohl anzunehmen, dass diese beiden Fächer zusammen genommen grob in etwa das abbilden, was der institutsmäßigen Auffassung von Archivwissenschaft entspricht.

Archivlehre (Heinrich Berg, Leopold Auer, Peter Csendes)

Diese Lehrveranstaltung war eine Art Koproduktion von drei netten Herren, angeführt von Berg, der dann auch bei der Staatsprüfung als alleiniger Prüfer fungierte, zeitweilig frequentiert auch von Auer und Csendes, das Ganze verbunden mit einer Einführung in die örtlichen Gebräuche des Wiener Stadt- und Landesarchivs, der beruflichen Heimat Bergs, sowie mit einer zweitägigen Exkursion nach Graz und Klagenfurt zwecks Besichtigung der dortigen Landesarchive, die beide erst einige Zeit zuvor in neue Räumlichkeiten umgesiedelt waren. (Ich selbst hatte für meine Dissertation das Steiermärkische Landesarchiv 1995 noch im alten Gebäude der Grazer Jesuitenuniversität besucht, das Kärntner Landesarchiv 1996 noch im Klagenfurter Landhaus.)

Theoretisch behandelt wurden in der Vorlesung Themenbereiche wie Ordnen, Verzeichnen und Erschließen, Bestandserhaltung und Archivneubauten, „Archive und ihre Funktion im historischen Wandel und im gesellschaftlichen Kontext“, daneben auch rechtliche Fragen wie Archiv- und Denkmalschutzgesetz, Datenschutz und Urheberrecht. Insgesamt eine durchaus angenehme Atmosphäre, viel Surfen im Internet bis zu den Archiven Kanadas, jeder Teilnehmer hat ein Referat über ein selbst gewähltes Archiv gehalten, der Inhalt des selbigen war gleichzeitig auch schon der halbe Stoff für die Staatsprüfung.

Archiv- und Aktenkunde (Lorenz Mikoletzky)

Hier konnte Mikoletzky in gut vertrauter Umgebung agieren, denn er hielt seine Vorlesung stets direkt im Seminarraum des Österreichischen Staatsarchivs ab. Der Vortrag war gut verständlich, sinnvoll geliedert, brachte alle wesentlichen Informationen vor allem zum neuzeitlichen Kanzlei-, Registraturs- und Aktenwesen, wo man mit Begriffen wie Konzept, Expedit, Mundierung, Abschrift, Reskript, Supplik, Kollationierung, Protokoll etc. zu rechnen hat, und natürlich konnte der Generaldirektor dabei auch in vielfältiger Weise aus seinem reichen Schatz an Erfahrungen schöpfen.

Ein besonderes und etwa fotokopiertes Anschauungsmaterial gab es hier gar nicht, allerdings brachte Mikoletzky als Zuckerl auch bei uns, wie in jedem Kurs, im Original den berühmten braungefleckten „Kaffeeakt“ Maria Theresias, auf dem diese nach einem hektischen Arbeitsfrühstück mit eigener Hand sinngemäß vermerkt hat: Habe Kaffee ausgegossen – schäme mich! „Damit Sie einmal den Atem der Geschichte spüren“, bemerkte Mikoletzky treffend. Ein vergleichbares Aktenstück aus dem 18. oder 19. Jahrhundert erhielt dann auch jeder Kursteilnehmer zur (auch hier nur mündlichen) Staatsprüfung.