4.2 Nebenfächer

Übungen an Quellen (Peter Csendes)

Im Lauf des Kurses wurden von Csendes zwei derartige Übungen abgehalten, nämlich (rein zeitlich noch im Vorbereitungsjahr) die „Übungen an Quellen zur Geschichte der Länder und Städte Österreichs“ und später die „Übungen an Quellen zur Tätigkeit von Mittel- und Unterbehörden“. Erstere war tendenziell eher mittelalterlich orientiert, wobei Csendes unter anderem etwa die Wiener Stadtrechtsurkunde von 1221 brachte; dieselbe wurde auch gelesen, jedoch setzte der Vortragende dabei stets auf Freiwillige. Vielleicht mit gutem Grund, denn im Rahmen der zweiten wurde dann nach einigen wenigen einführenden Stunden eine Art semesterumfassende Hausübung verteilt, für die jeder Kursteilnehmer ein dickes Bündel von Intimationsdekreten des Wiener Magistrats von 1765 ausgehändigt erhielt, das er (zur höheren Ehre des Wiener Stadt- und Landesarchivs) zu Hause chronologisch zu ordnen, zu foliieren und abschließend Stück für Stück zu regestieren hatte.

Bibliothekskunde (Manfred Stoy)

Der Titel dieser Lehrveranstaltung beschreibt ihren Inhalt nur unzutreffend; wohl könnte man auch ausführlich über Bibliotheken als solche referieren, das allerdings tat Institutsbibliothekar Dr. Stoy nur zum Teile. Er brachte zwar anfangs Namen und Anschriften etlicher wichtiger Bibliotheken in Österreich, und im Falle der Nationalbibliothek, der Universitätsbibliothek Wien und der Wiener Stadt- und Landesbibliothek lieferte er auch noch einige historische Daten hinzu. Ab der dritten Einheit allerdings mutierte seine Vorlesung zu einer Art großangelegtem Leitfaden des Bibliographierens, nicht ganz sinnlos, aber für einen Haufen absolvierter Historiker nichts wirklich Neues, sondern klassischer Proseminarstoff. Vor allem brachte er neben einschlägigen geschichtswissenschaftlichen Hilfsmitteln auch ungezählte Titel allgemeiner, auch fremdsprachiger Nachschlagewerke, wie, um nur ein Beispiel zu nennen, der „Narodna enciklopedija srpsko-hrvatsko-slovenacka“. Stoy war aber, wie er betonte, stets bemüht, seinem Vortrag „a bissl a Fleisch“ zu geben, und um solche Dinge nicht sinnlos auswendig lernen zu müssen, durfte man sich dann für die Prüfung ein bestimmtes Teilgebiet aussuchen. Mit dem „großen“ Prüfungsbetrieb des Instituts hatte Stoy sonst allerdings nichts zu tun und scheint sich auch nicht besonders dafür interessiert zu haben; ich erinnere mich bloß noch an seine treuherzige Aussage: „Jo jo, die Paläographie woa scho imma a bissl ungleich.“

Sphragistik, Heraldik, Genealogie (Georg Scheibelreiter)

Die Gründe, warum diese Fächer so gerne zusammen in eine Vorlesung gepackt werden, mag man in ihrer gewissen inhaltlichen Verwandtschaft suchen, aber der fachlich einigermaßen versierte Prof. Scheibelreiter hatte seine liebe Mühe, gleich drei (eher nebenwichtige) Hilfswissenschaften auf einmal in einem Semester sinnvoll unterzubringen. Er redete zwar nicht ohne Punkt und Komma, aber ohne allzu viele Pausen, und man merkte ihm schon an, dass ihn zwischendurch gestellte Fragen zur Materie eher aus dem zeitlich gedrängten Konzept brachten als ihn zu scientistisch-pointierten Antworten zu reizen. Wer aber aufmerksam zuhörend mitschrieb, konnte sich dafür etwa auch von der farbenprächtigen Bildsprache der Heraldik beeindrucken lassen.

Informationsmanagement und Dokumentation (Josef Riegler)

Von allen Lehrveranstaltungen des Kurses war das diejenige, die als einzige mit ziemlicher Sicherheit überhaupt nichts mit Geschichte zu tun hatte – und auch eher wenig mit normalem irdischen Archivwesen. Was nicht heißen soll, dass sie unbedingt schlecht gewesen wäre, wenn schon, dann war sie eher zu gut – oder auch einfach nur völlig abgehoben. Dr. Riegler, damals noch bloß stellvertretender Direktor des Steiermärkischen Landesarchivs, kam mit seinen Theorien an einige seiner Zuhörer irgendwie nicht richtig heran.

So sprach er etwa von einer aufsteigenden „Wertschöpfungskette“, die ihren Ursprung in „Signalen“ nahm, sich dann über „Daten“ zu einer „Information“ steigerte, welche schließlich im „Wissen“ kulminierte und ganz zuoberst ins helle Licht der „Weisheit“ überging. Zum besseren Verständnis dieses Ansatzes unterschied er darüber hinaus zwei „Welten im Universum“, nämlich einerseits die „Substanzwelt“, bestehend aus „Materie und Energie“, andererseits die „Informationswelt“, die sich aus „Abbildungen von Strukturen in Modellen“ zusammensetzte. Der Kollege Gert Polster, sonst nicht unbedingt ein Nervenbündel, verließ einmal zur Halbzeit den Hörsaal und verbrachte dann den Rest der Vorlesungszeit allein im Mitgliederzimmer: „I geh do nimma eini, a so a Bledsinn!“ So schlimm war es nun auch wieder nicht, aber vielleicht tat Dr. Riegler wirklich etwas zu viel des Guten; immerhin verteilte er kostenlos den 15-seitigen „Leitfaden der steirischen Landesverwaltung für Projektarbeit“.

Museumsdidaktik (Georg Kugler)

Der Vortragende selbst nannte seine Vorlesung lieber „Museumskunde und Denkmalpflege“, was vielleicht auch treffender gewesen wäre. Wenn er auch das, was ein Museumsmann in praktischer Hinsicht eigentlich Tat für Tag zu tun hat, wie viele eher trockene Inventarisierungsarbeiten, dem Kurs auch nur begrenzt nahe bringen konnte, so geleitete uns aber sein Vortrag doch recht anschaulich durch ein buntes Kaleidoskop einer langen menschlichen Sammlungsgeschichte, wie etwa auch in die märchenhaft klingenden „Kunst- und Wunderkammern“ der Frühen Neuzeit. Die mündliche Prüfung war eher nicht schwer.

Numismatik (Michael Alram)

Die Vorlesung aus Münz- und Geldgeschichte wurde nicht am IÖG abgehalten, sondern am zuständigen Universitätsinstitut im 19. Wiener Bezirk, was jedesmal eine kleine Anreise erforderte. Wie der Vortragende betonte, erwarte er sich keineswegs, dass wir alle nach einem Semester in der Lage wären, eigenständig nach wissenschaftlichen Kriterien Münzen zu bearbeiten, aber er wolle uns doch so viel wie möglich einführend darüber erzählen. Den ursprünglichen Plan, die formale Schlussprüfung bei regelmäßiger Anwesenheit aller Teilnehmer einfach fallen zu lassen, wenn wir Prof. Wolfram nichts davon erzählen würden, gab er irgendwann aber auf. Und so führte er uns bis zur (in Vierergruppen) dann doch abgehaltenen Prüfung durch Kaurimuscheln, Gerätegeld, Metallmünzen, Fladenbarren und Papiergeld, Chinesen, Kelten, Römer, Byzantiner, Wiener und Grazer Pfennige, Prüfzeichen und Kontermarken, Überprägungen, Umschnitte und Stempelfehler.