5.2 Kunstgeschichte (Artur Rosenauer; Martina Pippal)

An Absurdidät nicht mehr zu überbieten ist mein Erlebnis mit der schriftlichen Kunstgeschichteprüfung, und ich gehe eigentlich sehr weitgehend davon aus, dass in fast allen Kursen der letzten Jahre und Jahrzehnte, die in diesem Fach von Artur Rosenauer „geprüft“ wurden, ebenfalls die eine oder andere Themaverfehlung (von seiten des Professors) nach demselben Muster und absolut gewohnheitsmäßig vorgekommen ist. Vielleicht handelt es sich dabei auch nur um einen besonderen Fall von krankhaftem Liebesbedürfnis eines älteren Herrn, der im Inneren der Seele gern der bußfertige Ministrant in seiner feuchten Kutte geblieben wäre, aber irgendeine Erklärung muss es wohl dafür geben, hat sich doch am 18. Oktober 2000 im Mitgliederzimmer des IÖG bei der Vorbesprechung der einzelnen „Spezialthemen“ der schriftlichen Staatsprüfung vor dem versammelten 62. Institutskurs folgender wörtlicher Dialog ereignet:

 

Rosenauer (sinnierend): „Das nächste Spezialthema auf meiner Liste ... der Kollege Zehetbauer ... aha, Architektur des 18. Jahrhunderts!“

Zehetbauer (sachlich): „Kann man das so machen, dass man an den Kollegen Schennach anschließt und das Jahr 1683 als zeitliche Untergrenze nimmt?“

Rosenauer (gütig lächelnd): „Sie hätten auch Architektur des 16. Jahrhunderts sagen können?“

Zehetbauer (den eigentlichen Grund der Frage nicht verstehend): „So ist es.“

Rosenauer (mit engelsgleicher Güte): „Na ja, wenn ich Ihnen die Salzburger Kollegienkirche zeige, würde ich erwarten, dass Sie sie erkennen.“

Zehetbauer (die extrem aufgeblasen wirkende Kollegienkirche als einzige Kirche der Vorlesung überhaupt im Gedächtnis, aber sie nicht eigentlich zum gewählten und säkular verstandenen Thema rechnend): „Aha.“

Rosenauer (hintergründig lächelnd): „Das wer ma schon machen!“

Zehetbauer (mit dieser Antwort zufrieden, abschließend): „Gut!“

 

Ich verfüge „leider“ nicht mehr über mein „Staatsprüfungszeugnis“ (der Prüfungsakt könnte darüber jederzeit Klarheit schaffen), aber nach heutiger Erinnerung wurden mir am 7. November 2000 (durch Prof. Pippal, Rosenauer selbst war an diesem Tag verhindert) in einer Mappe folgende vier Fassaden-Ansichten (ohne jede konkrete Fragestellung) vorgelegt:

 

  • Salzburger Kollegienkirche (1696 ff., rein zeitlich gerade im Rahmen);
  • Salzburger Dom (1598 ff., zeitlich-stilmäßiges Gegenthema!);
  • Wiener Dominikanerkirche (1635 ff., zeitlich-stilmäßiges Gegenthema!);
  • Wiener Kirche Am Hof (?) (1662 ff., zeitlich-stilmäßiges Gegenthema!).

 

Architektur des 18. Jahrhunderts? Die gesamte sogenannte „Vorbesprechung“ des sogenannten „Spezialthemas“ hatte in Wahrheit nur einem einzigen Zweck gedient: der Einschätzung der Kandidaten – aufgrund welcher (richtigen oder falschen) Kriterien immer! Das verstand ich damals aber natürlich so noch nicht, also schrieb ich am 27. November 2000 einen eher wenig freundlichen Brief an die sogenannte „Staatsprüfungskommission“, um nachdrücklich klar zu machen (ohne es wörtlich so ausgedrückt zu haben), wohin Rosenauer sich seine geliebten Kirchen zwecks Erhöhung des Genusses stecken konnte. Daraufhin wurde, unmittelbar im Anschluss an die etwas später von Rosenauer und Pippal abgehaltenen mündlichen Prüfungen, die ansonsten unauffällig verliefen, im Hörsaal des IÖG eine Aussprache mit mir anberaumt, an der Prof. Wolfram, Rosenauer selbst und auch die (hier nur mittelbar beteiligte) zweite Vortragende Prof. Pippal teilnahmen.

 

Rosenauer (in das Gespräch einsteigend mit der Erstsemestrigentour): „Das ist so wie in der Geschichte: Wenn Sie z.B. über Otto I. geprüft werden, dann können Sie auch über Karl den Großen geprüft werden, und wenn Sie über das 18. Jahrhundert geprüft werden, dann können Sie auch über den Salzburger Dom geprüft werden.“

Wolfram (schalkhaft beipflichtend): „Des is a gutes Beispiel.“

Zehetbauer (angewidert von der Dreistigkeit der Argumentation): „Und was hätte ich bei der Prüfung genau machen sollen? Vier Namen hinschreiben?

Wolfram (schalkhaft): „Des wär doch immerhin wos gewesen.“

Zehetbauer (sachlich): „Es war ein Thema ausgemacht: Das 18. Jahrhundert spannt sich vom Gartenpalais Liechtenstein bis zur Aula der Alten Universität!“

Wolfram (mit der faktischen Tour): „Jo, oba die Prüfung is gelaufen – Sie kennans hechstens no amoi mochen. Des tat i oba net. Sie miassen eh scho die Verfassungsgeschichte wiedahoin!“

 

Die Diskussion ging in diesem Stil noch einige Minuten weiter, dann war sie mir bald nicht mehr erträglich. Dass Wolfram und Pippal auf der Seite Rosenauers stehen würden, war klar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Es war der späte Nachmittag eines düsteren Herbsttages, ich war durch die vorangegangenen Prüfungen sowohl bei Pippal als auch bei Rosenauer ermüdet, und ich wollte damals überdies die Sache mit Bezug auf die (mir sonst ja nicht bekannte) Person Rosenauers nicht auf die äußerste Spitze treiben, mit diesem selbst aber auch weiters nichts mehr zu tun haben.

 

Zehetbauer (an Wolfram gerichtet): „Da Sie der Staatsprüfungskommission präsidieren, will ich die Sache nicht weiter verfolgen.“

Wolfram (immer noch nachlegend): „Sie kennans sunst nur no amoi mochen.“

Zehetbauer (mit wegwischender Handbewegung): „Wie schon gesagt, ich will die Sache nicht weiter verfolgen!“ (Erhebt sich vom Stuhl, um zu gehen.)

Rosenauer (sich entspannt zurücklehnend und jetzt offenbar ganz sicher fühlend, in der geölten Ziersprache): „Und man kann zur Prüfung ruhig den Salzburger Dom geben, wenn da Barock ausgemacht ist.“

Zehetbauer (jetzt direkt zu Rosenauer, sehr laut und sehr scharf): „Es – war – nicht – Barrrockk ausgemacht, sondern acht – zehn – tes – Jahr – hundert!“

Rosenauer (zusammenzuckend, dann nur noch auf die Tischplatte starrend, sehr leise): „Des, des wor ausgmocht, tsts ...“ (Ein lautes Schluckgeräusch ist zu hören.)

Wolfram (im Plauderton): „Jetzt kummt boid da Todestog vom Herzog Tassilo.“

Rosenauer (die Hilfe erkennend, kleinlaut): „Waunn is denn der?“

Zehetbauer (laut lachend): „Professor Rosenauer kennt den Todestag vom Tassilo net, ha!“ (Verlässt den Hörsaal.)

 

So lächerlich es auch sein mag, es ist ein und dieselbe Soße: So wie etwa ein Stelzer in der Wahnvorstellung verfangen ist, jeder Teilnehmer, der nicht vor ihm (dem körperlichen Zwerg) auf dem Boden kriecht, müsste ein absolutes paläographisches Genie sein, so lebt ein Rosenauer in dem festen Glauben, ein Teilnehmer, der ihm eine Frage nach dem konkreten Prüfungsumfang stellt, würde damit in Wirklichkeit die versteckte Bitte nach einem ganz anderen und hoffentlich „leichteren“ Thema zum Ausdruck bringen. Wobei in diesen und allen ähnlich gearteten Fällen zweifellos der alte Satz volle Gültigkeit besitzt: Wie einer über andere denkt, so ist er selber!

Bemerkenswert ist dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit ein Rosenauer einem ihm völlig unbekannten Kursteilnehmer eine emotionale Nähe zu seinen eigenen Lieblingskirchen unterstellt, mit deren Bildern er sich vermutlich, ich kann es mir nicht anders vorstellen, regelmäßig zur Entspannung ins Hinterzimmer zurückzieht. Und das Ergebnis all dessen ist der ideologische Einheitsbrei, der bei jeder „Staatsprüfung“ aus dem Enddarm dieses Instituts gepresst wird.