5.3 Diplomatik schriftlich (Herwig Wolfram)
Zur schriftlichen Prüfung aus Diplomatik im Juni 2001 erhielt ich einen Fragenkomplex, der anhand einer Kaiserurkunde von Prof. Wolfram selbst ausgearbeitet worden war. Er hatte ja gleich zu Beginn des Hauptkurses ein umfassendes Skriptum ausgegeben, und mit meinem Wissen aus diesen Unterlagen konnte ich die Aufgabe problemlos bewältigen. Ich erinnere mich, dass Wolfram kurz vor der Prüfung über die von ihm „betreuten“ Kandidaten noch die Bemerkung fallen ließ: „Na, wenn meine nicht in zwei Stunden fertig sind ...“
Genau genommen gab Wolfram mir damals aber eigentlich zwei Urkunden, nämlich das täuschend echt reproduzierte Faksimile einer Originalurkunde und daneben außerdem noch eine papierene Urkundenedition – und die schriftlich ausformuliert vorliegenden Prüfungsfragen betrafen teils die eine Urkunde, teils die andere, teils ergaben sie sich aus dem formalen und inhaltlichen Vergleich der einen mit der anderen. Eine idealtypische mittelalterliche Kaiser- oder Königsurkunde besteht dabei aus folgenden inhaltlichen Teilen:
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1. Protokoll - Invocatio - Intitulatio - Inscriptio |
2. Kontext - Arenga - Promulgatio - Narratio |
- Dispositio - Sanctio - Corroboratio |
3. Eschatokoll - Subscriptio - Datum - Apprecatio |
Dazu kommen dann äußerlich noch Pergamentart, Schrifttyp, Siegel etc., die lateinische Sprache muss man natürlich erst einmal übersetzen, und summa summarum kann man sich mit so einem Ding tatsächlich eine ganze Weile beschäftigen.
Der sich für mich aus der Gesamtheit der von Wolfram erstellten Aufgabe ergebende Vorteil, der hier sogar ein „Sehr gut“ möglich machte, war der, dass ich außer meinem theoretisch aus dem besagten Skriptum angelernten Diplomatikwissen, dem „Grotefend“ für die Auflösung des Datums und normalen Lateinkenntnissen aus der Mittelschule praktisch keinerlei weitere hilfswissenschaftliche Fertigkeit benötigte. Vor allem reduzierten sich die paläographischen Anforderungen dieser Aufgabe fast auf null, denn die eine Urkunde war ja eine fixfertige und gedruckte Edition, während die als Faksimile vorliegende andere Urkunde zwar (mit der diplomatischen Minuskel) in einer mittelalterpaläographischen Schrift verfasst war, aber genauso gut hätte ebenfalls als gedruckte Edition vorliegen können, so leicht war sie zu lesen: klarstes Schriftbild, keine Kürzung – was für ein günstiger Zufall!