5.4 Quellenkunde schriftlich (Heide Dienst)
Über die schriftliche Prüfung aus „Quellenkunde“ unter der Leitung von Prof. Dienst wusste man als Kursteilnehmer vorher nur, dass es dabei um die Interpretation irgendeiner Textstelle gehen würde, die dann nach bestimmten Grundsätzen zu durchleuchten war, wie etwa nach den Fragen: Was steht wörtlich da? Worum geht es tatsächlich? Was will der Autor sagen? Diese Interpretationsansätze sind nun wirklich nicht das Besondere, die hat man auch schon in der Mittelschule im Deutschunterricht gehört, aber es war immerhin ein gewisser vorstellungsmäßiger Anhalt, und in der Vorlesung waren ansonsten ja fast nur lange Listen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichtenschreiber aufgezählt worden.
Am Prüfungstag sollte sich dann herausstellen, dass die mir vorgelegte Aufgabe in einem französischsprachigen Text bestand, der mit dem Computer abgetippt und daher auch ohne jede Schwierigkeit lesbar war, wodurch die einzige hilfswissenschaftliche Anforderung somit in französischen Sprachkenntnissen bestand, die ich ja auch schon bei der Sprachbeherrschungsprüfung unter Beweis gestellt hatte. Der Text ließ sich nach erfolgter Übersetzung ins Deutsche auch recht bald als ein Brief aus dem Kriegsjahr 1813 identifizieren, den ich im Endeffekt nach kurzer Überlegung außerdem niemand anderem in die Schuhe schieben konnte als dem Fürsten Metternich, und das noch dazu, obwohl das Schriftstück nicht einmal namentlich gezeichnet war – musste ich nicht irrsinnig gut sein?
Dazu muss man allerdings wissen, dass ich in meiner Dissertation über den Krieg von 1809 gearbeitet hatte, und natürlich wusste ich über die Zeit der Befreiungskriege (1813-1815) dadurch auch recht gut Bescheid – das Prüfungsbeispiel war für mich somit „maßgeschneidert“ worden, was zu erkennen und zu hinterfragen ich damals nicht in der Lage war. Inzwischen ist mir allerdings längst klar, dass Prof. Dienst wohl praktisch allen Leuten in allen Kursen Prüfungsbeispiele aus dem Umfeld ihrer Diplomarbeits- oder Dissertationsthemen gegeben hat – und in ihren eigenen Spezialgebieten verfügten diese dann natürlich fast immer über das ausreichende Hintergrundwissen, um die von Dienst ausgewählte Quellenstelle historisch richtig einordnen zu können. Damals fiel mir nur auf, dass sie den Kollegen Bernhard Zeller, der schon abgegeben und den Raum verlassen hatte, nach rascher Durchsicht seiner Arbeit zurückholen ließ, um ihn nach Erteilung einschlägiger Tipps zur Weiterarbeit aufzufordern.
Hätte man die wohl jahrzehntelang abgehaltene „Dienst-Prüfung“ in „Quellenkunde“ einmal so gestaltet, dass am Beginn jeder Kandidat seine Aufgabe mit seinem Sitznachbar tauscht, so hätte das nach vier Stunden zu erwartende Ergebnis, grob geschätzt, aus 70 Prozent „Nicht genügend“, 20 Prozent „Genügend“ und vielleicht 10 Prozent „Befriedigend“ bestanden – mit einem Wort: aus dem absoluten Chaos.