5.5 Lateinische Paläographie und Editionstechnik (Winfried Stelzer)

Die dritte schriftliche Prüfung im Juni 2001 war jene aus „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“, die grundsätzlich vierstündig war – da sie jedoch mit der einstündigen schriftlichen Prüfung aus „Regestentechnik“ gekoppelt war, die auf der Grundlage einer frühneuzeitliche Textstelle in deutscher Sprache abgehalten wurde, saß man an diesem Prüfungstag volle fünf Stunden im Hörsaal. Kernsache des Tages war aber ganz eindeutig die vierstündige Editionsaufgabe, und angesichts der inhaltlichen Gestaltung der Editionsvorlesung im Sommersemester 2000 hatte ich bei dieser Prüfung eine noch geringere Vorstellung, welche Aufgabe mich da wohl erwarten würde, als etwa bei der schriftlichen Prüfung in "Quellenkunde".

Nicht wenig erstaunt war ich daher, als mir Prof. Stelzer gleich zu Beginn persönlich den zu edierenden Text, der fast den ganzen Arbeitstisch abdeckte, mit der Bemerkung vorlegte: „Passen Sie auf, dass Sie sich die Zeit gut einteilen!“ Ich war für den Hinweis zunächst nicht undankbar, gute Ratschläge kann man schließlich immer brauchen, und vertiefte mich in das Schriftgewirr. Abgesehen davon, dass die mir vorliegende paläographische Tafel so breit war, dass ich bei meinen ersten Leseversuchen ständig die Zeile verlor, begann ich auch sonst schon nach wenigen Minuten zu verstehen, wie das mit der Zeit wohl gemeint gewesen war.

Rings um mich herum konnte ich die Kugelschreiber der Kollegen auf dem Papier kratzen hören, ich selbst beschloss dafür jetzt, mir die Prüfung so einzuteilen, dass ich zunächst die Aufgabe aus der Regestentechnik lösen und zwischendurch immer wieder einmal versuchen würde, ein Wort aus der Editionsaufgabe zu entziffern. Nachdem etwa die erste halbe Stunde der Prüfungszeit vergangen war, kam Stelzer plötzlich mit der Frage vorbei: „Wie geht es Ihnen?“ Mir fiel darauf nichts anderes ein als der Satz: „Steter Tropfen höhlt den Stein“, worauf ich als nächste Weisheit zu hören bekam: „So ist das Leben“, dann war für den Rest des Prüfungstages Ruhe.

Mit einem Wort: Ich konnte maximal die Hälfte überhaupt irgendwie lesen, vielleicht ein Viertel verstehen (es könnte sich um eine kirchenrechtliche Abhandlung gehandelt haben – mir inhaltlich völlig fremd), und als alle fünf Stunden vorüber waren, konnte ich nur noch schwarz-weiße Punkte sehen. Ich ging davon aus, dass dies so wohl nur ein „Nicht genügend“ sein konnte, was einige Tage danach auch offiziell verkündet wurde. Da ich als Berufstätiger keine Zeit und Gelegenheit hatte, die Kollegen zum Vergleich nach Ihren Beispielen zu fragen, ging ich wieder einmal davon aus, dass hier alles durchaus mit rechten Dingen zugegangen war. Ich richtete mich schon auf eine Wiederholung der Prüfung nach drei Monaten im Herbst ein.

Ausgesprochen erstaunt war ich daher wieder einmal, als ich plötzlich von unserem Kurssprecher übers Telefon erfuhr, dass zufolge Entscheidung des Institutsdirektors ich und zwei andere „durchgefallene“ Kollegen sofort, nämlich zwei Tage nach den mündlichen Prüfungsteilen, wieder antreten dürften, wobei uns jetzt aber nur noch die bisher schon von Prof. Stelzer gegebenen Beispiele – und davon nur die positiv gewesenen – zur Prüfung vorgelegt werden durften. Ich war baff: War Weihnachten plötzlich ein halbes Jahr vorgezogen worden, oder welcher Gemütszustand mochte Prof. Wolfram wohl reiten?