Exkurs: Der Honorarprofessor
Mir war daneben schon des öfteren aufgefallen, dass Mikoletzky sich gerne eines bestimmten Verhaltensmusters bediente, wie ich es auch schon bei anderen Personen und in ganz anderen Zusammenhängen gesehen hatte (etwa wenn manche Männer mit verschmitzter Hintergründigkeit Andeutungen über ihre angeblichen Frauengeschichten machen) und das ich mangels einer genaueren Bezeichnung für mich selbst unter dem Satz subsummiert hatte: Was nicht ist, muss man herbeireden.
Nicht viel anders erschien es mir bisweilen, wenn Mikoletzky während seiner Vorlesung etwa einmal ganz ohne Zusammenhang auf seine Gymnasialzeit mit einer damals absolvierten Griechischschularbeit zu sprechen kam: Klar, Griechisch hatten die meisten Kursteilnehmer in der Mittelschule nicht gehabt, da hatte er uns wirklich etwas voraus. Oder wenn er aus dem Nähkästchen des Experten über seinen Eindruck vom Lehrkörper bei der letzten Staatsprüfung plauderte: „Daunn hot da Woifram wos net lesn kenna.“ Aber der Generaldirektor war immer mit Leib und Seele Lehrer: „Ana hot gschummelt.“
Den Lehrauftrag für „Archiv- und Aktenkunde“ hatte Mikoletzky jedenfalls von seinem Vorgänger Hofrat Dr. Gerhard Pferschy, dem früheren Direktor des Steiermärkischen Landesarchivs, übernommen. Pferschy, der in den „Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs“ immer wieder mit der Edition mittelalterlicher Urkunden hervortrat, verkörperte in weiten Teilen seiner wissenschaftlichen Arbeit tatsächlich die traditionellen Kernkompetenzen des IÖG, vor allem der Diplomatik, der Editionstechnik und der lateinischen Mittelalterpaläographie. Daneben weist seine lange Bibliographie aber auch die ebenso souveräne Beherrschung der gesamten österreichischen Neuzeit vom 16. Jahrhundert bis zur jüngsten Zeitgeschichte aus.
Mikoletzky wiederum war 1969 nach Abschluss seines eigenen „Kurses“ in das Österreichische Staatsarchiv aufgenommen worden, hatte letztlich jedoch nicht in der weitaus stärker mittelalterorientieren Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv, sondern in der Abteilung Allgemeines Verwaltungsarchiv Verwendung gefunden, deren allerfrüheste Bestände zeitlich nicht vor dem 16. Jahrhundert liegen, während die Masse der wichtigen Registraturen gegen Ende des 18. oder überhaupt erst im 19. Jahrhundert einsetzt. Bedingt durch diesen Umstand hat Mikoletzky in der Folge fast sein gesamtes wissenschaftliches Leben im Bereich der jüngeren Frühneuzeit verbracht, zunächst als Archivar, ab 1991 auch als Direktor der Abteilung Allgemeines Verwaltungsarchiv. Schließlich wurde er 1994 zum Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs ernannt, wodurch ihn administrative Aufgaben natürlich noch mehr in Anspruch nahmen. Mikoletzky verkörpert daher in seiner wissenschaftlichen Arbeit, ohne dass er dafür selbst etwas könnte, im Gegensatz zu Pferschy nun weitgehend gerade nicht die traditionellen Kernkompetenzen des IÖG – ein näheres Studium seiner Bibliographie zeigt, dass er unter anderem mehrfach über Kaiser Joseph II. sowie über Themen des 19. und 20. Jahrhunderts geschrieben, aber praktisch nie vor dem 18. Jahrhundert gearbeitet hat.
Und ich werde nie das Bild vergessen, das Mikoletzky nach dem Ende der mündlichen Staatsprüfung des Jahres 2001 im Institutshörsaal bot: Sein Abteilungsleiter und seine beiden Archivare waren zwar nicht mehr dabei, aber er selbst, mit majestätisch vor der Brust verschränkten Armen und erhaben-zufriedenem Gesichtsausdruck am Kommissionstisch sitzend, halb zurückgelehnt, halb an den ihn um Haupteslänge überragenden Wolfram angelehnt, ließ den Blick mit ans Absolutistische grenzender Überlegenheit über das Feld des Kurses schweifen – wozu man Menschen verführen kann!
Aus heutiger Sicht das Allerschärfste war allerdings seine (mit kindlich-unschuldigem Augenaufschlag vorgetragene) Frage mir gegenüber zu der von Wolfram zurechtgedrehten Instant-Wiederholung der Stelzer-Prüfung: „Müssen Sie ’s nochmal machen?“