5.7 Der letzte Akt

Für mich selbst war nach dem Abschluss der mündlichen Prüfungsteile nur noch eines zu tun, nämlich zwei Tage später die schriftliche Prüfung aus „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“ zu wiederholen, was mir sowohl die gemütliche Prof. Heide Dienst („Des is jetzt oba a Privatvagnügen!“) als auch Institutsdirektor Wolfram („Hoffentlich net so oft!“) mit freundlichen Worten nahelegten. Zwar standen im Institut Lehrende und Kursteilnehmer jetzt in dicken Trauben herum, in denen auch Hasenfuß Stelzer sich wieder sicher fühlte, und plauschten gelöst, aber da es für mich nicht viel zu feiern gab und ich mich auch möglichst bald noch einmal in meine Unterlagen vertiefen wollte, verließ ich an diesem Nachmittag raschen Schrittes und ziemlich grußlos das Institut.

Doch siehe da: Als ich zu Hause ankam, hatte ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, denn Sekretariatsleiterin Stain hatte inzwischen tatsächlich bei mir angerufen, um mir nochmals mitzuteilen, dass ich schon in zwei Tagen die Staatsprüfung wiederholen dürfe. Na, die ist aber wieder mal zuvorkommend, dachte ich mir verwundert. Ich war in diesem Moment schlicht und einfach überhaupt nicht in der Lage, die ungeheure Diskrepanz von Inhalt und Form wahrzunehmen, die dieser gespeicherten Rede zugrundelag. Ich verstand nur die inhaltliche Aufforderung, in zwei Tagen wieder ans Institut zu kommen, und sagte mir: Was soll das, ich komme doch ohnehin zur Wiederholung, das ist doch wohl auch richtig so. Klarerweise löschte ich die Nachricht.

Vielleicht etwa zur Jahresmitte 2004 fiel mir dieser eine Satz eines Tages aus heiterem Himmel wieder ein, aber nun, in der bloßen Erinnerung, war sein belanglos gewordener Inhalt mit einem Male völlig in den Hintergrund getreten, und jetzt spürte ich plötzlich nur noch die übergroße Weinerlichkeit, die damals in den Worten gelegen war, die den (von Wolfram beauftragten) Inhalt trugen: „Herr Magister Doktor Zehetbauer, kommen Sie doch bitte übermorgen zur Wiederholung der Staatsprüfung!“ Drei Jahre nach dieser Staatsprüfung ging mir das zweite entscheidende Licht auf: Davor haben sie Angst gehabt!

 

Am 29. Juni 2001, zwei Tage nach den mündlichen Prüfungsteilen, fand also die Wiederholung der schriftlichen Prüfung aus „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“ statt. Ich erhielt jetzt das Prüfungsbeispiel unseres Kurssprechers Thomas Wallnig zugewiesen, der bekanntlich Stipendiat gewesen war. Dieser Text war nun um vieles, vieles leichter zu lesen – aber vor allem nur halb so lang wie der erste! Hatte ich beim ersten Text zwei Seiten für die (völlig lückenhafte) Transkription gebraucht, so kam ich jetzt mit einer aus! Damit hatte ich zum ersten Mal im Verlauf des gesamten Kurses eine direkte Vergleichsmöglichkeit mit einem anderen Kandidaten.

Zwei Kandidaten, beide haben für die gleiche Prüfung vier Stunden Zeit, der eine bekommt als „Stipendiat des Hauses“ 10.000 Schilling pro Monat überwiesen, weil er angeblich so gut ist, erhält aber nur die halbe Menge Text zur Staatsprüfung! Ich bestand die Prüfungswiederholung mit diesem Kurztext jetzt sofort positiv, für eine bessere Note mangelte es mir als einzigem Berufstätigen des Kurses an der nötigen Übung, im besonderen deshalb, weil ich mich in der obskuren Stelzer-Vorlesung aus „Editions- und Regestentechnik“ ein Semester lang nicht mit lateinisch-paläographischen Texten, sondern mit Pizzicato, Otto Scrinzi und Co. herumzuschlagen gehabt hatte.

Dass ich seit diesem Prüfungstag aber überhaupt wissen konnte, dass ich die schriftliche Staatsprüfung aus „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“ unter der Aufsicht Dr. Weigls mit der Aufgabe Thomas Wallnigs wiederholt hatte, hatte einen besonderen Grund: Nachdem Wolfram für drei(!) Kursteilnehmer im letzten Moment diese Instant-Wiederholung bekannt gegeben hatte (man kam dadurch auch nicht zum Nachdenken), taten sich die übrigen Kollegen, die das natürlich alle wussten, zusammen und bombardierten Andrej Komac, Michael Erlach und mich per E-Mail mit Kurzbeschreibungen ihrer eigenen Aufgaben, denn eine aus diesem Pott musste es ja jetzt zwangsläufig werden. Das Ganze war natürlich mehr psychologische Krücke denn echte Hilfe, aber es war wirklich gut gemeint, und am Abend nach der Prüfungswiederholung setzte ich mich daheim an den Computer, öffnete Outlook-Express und hängte mich an die E-Mail von Wallnig mit einer Antwort an: Lieber Thomas, danke dir nochmals – rate mal, wessen Aufgabe ich heute hatte!