6. Der Schleier danach
Ob es im Falle Wallnigs beschlossene Sache oder auch nur denkmögliche Idee gewesen sein könnte, den Kurssprecher zum Stipendiaten zu machen, darüber will ich heute lieber gar nicht erst nachdenken. Aber eines ist jedenfalls klar: Stelzer, der Wallnigs Fähigkeiten genauestens kannte, hatte diesem bei der Aufnahmsprüfung eine lateinisch-paläographische Aufgabe mit einem solchen Schwierigkeitsgrad gegeben, der es Wallnig zumindest zu einem Viertel ermöglichte, Stipendiat zu werden. Wollte Stelzer den von ihm solcherart mitkreierten Leistungsstipendiaten bei der Staatsprüfung nicht völlig konterkarieren, so musste er Wallnig zwangsläufig wiederum einen Schwierigkeitsgrad geben, der den der Aufnahmsprüfung, wenn überhaupt (jetzt vielleicht etwas mehr Routine des in seiner Zeiteinteilung völlig freien Stipendiaten eingerechnet), dann höchstens um wenige Prozent übersteigen durfte. Mit jenem „Staatsprüfungsthema“, welches der leicht zu beeindruckende Stelzer in geistiger Verwirrung zuerst mir gegeben hatte, hätte er den Stipendiaten von seinen Gnaden nachträglich zur Mickymaus degradiert.
Das wahrhaft Diabolische an dem Ganzen ist: Solange Sie nicht selbst einmal irgendwo außer Ihrer eigenen noch eine zweite Aufgabe gesehen haben („gesehen“ heißt hier: sich zumindest einmal eine volle Viertelstunde lang damit eingehend beschäftigt haben), ahnen Sie von all dem überhaupt nichts, sondern Ihre Prüfung war ganz einfach die Prüfung – hier wirkt in kaum vorstellbarer Weise ein ausgefuchster psychologischer Effekt, der wesentlich nichts anderes ist als das, was in der Physiologie des menschlichen Auges so treffend als „Blinder Fleck“ bezeichnet wird. Aber der gesamte innere Kreis des Instituts (der sich über die Teilnehmer außerdem austauscht) weiß darüber haargenau Bescheid.
Viele Hinweise dafür gab es damals nicht, dafür hatte Wolfram gesorgt – lange Zeit stand mir nicht viel mehr als die Szene vor Augen, als im September 2001 die ausgefertigten „Staatsprüfungszeugnisse“ mitsamt den MAS-Dekreten abholbereit gewesen waren. Bei dieser Gelegenheit betrat ich das letzte Mal das IÖG, denn ich musste dazu zwangsläufig nochmals bei der Sekretariatsleiterin vorstellig werden. Und wer stand gerade vor deren Tür wie ein geprügelter Hund? – Genau! – Als er zur Seite blickte und mich erkannte, zuckte er zusammen wie vor dem Henker. Rasch begriff er dann aber, dass er nichts zu befürchten hatte, setzte ein misslungenes Grinsen auf, das wohl höhnisch wirken sollte, und verschwand um die Ecke.
Was sollte ich von all dem halten? Sollte ich kurioserweise annehmen, dass der Professor, angeblich eine wissenschaftliche Autorität ersten Ranges, nicht wusste, was er tat – und deswegen vom Direktor den bombigsten Anschiss seines Lebens erhielt? Unwiderlegbares Faktum ist ganz einfach: Als ich erstmals überhaupt irgendwie verstand, was hier in Wahrheit hinter den Kulissen ablief, da war inzwischen der Februar oder März 2003 ins Land gezogen!