6.1 Dabei ist die Lösung so einfach

Der Komplexler Stelzer war im Verlauf des Vorbereitungsjahres zu der Auffassung gekommen, ich wäre eine Art paläographisches Genie, das ihm einen Anfänger vorspielt! Also hat er sich gesagt: Diesem paläographischen Genie, das mir da was vorspielt, dem werd’ ich ’s jetzt mal richtig zeigen! Und er hat sich für die Aufnahmsprüfung die hinterhältigstmögliche Falle ausgedacht, die einem kranken Gehirn eben einfallen kann. In die bin ich natürlich auch hineingefallen, nur ist damit kein paläographisches Genie hineingefallen, sondern ein blutiger Anfänger. Obwohl ich mit der Aufgabe so gut wie gar nichts anfangen konnte, habe ich bemerkenswerterweise ein „Befriedigend“ bekommen.

Stelzer wollte mich bei der Staatsprüfung dann gar nicht: noch einmal reinlegen – er wollte einfach nur das tun, wovon er nach wie vor überzeugt gewesen ist. Er ist nach wie überzeugt gewesen, ich wäre ein paläographisches Genie! Und jetzt wollte er einfach nur: das paläographische Genie so prüfen, wie es einem paläographischen Genie gebührt – und er hat mir eine Aufgabe gegeben: für ein paläographisches Genie!

Mit der bin ich klarerweise prompt durchgefallen. Jetzt musste er erkennen, dass ich doch kein paläographisches Genie gewesen bin. Damit ich aber den Kurs jetzt überhaupt beenden konnte, war er gezwungen, den Schwierigkeitsgrad dramatisch herunterzuschrauben – vielleicht zwanzigmal so leicht! Auf Anordnung Wolframs durfte er aber nur mehr Aufgaben nehmen, die positiv gewesen waren, und die drei negativen wurden gänzlich aus dem Pool entfernt. Und was hat er jetzt für mich gewählt? Die Aufgabe des Leistungsstipendiaten Wallnig!

Wenn aber meine Prüfung auf einer solchen Einschätzung beruht, auch fälschlicherweise, und auch die Prüfung des Stipendiaten Wallnig auf einer solchen Einschätzung beruht, in diesem Falle zu Recht, dann wird völlig klar, was bei genauer Überlegung auch gar nicht anders sein kann: Seit jeher – und das heißt: seit gut 150 Jahren – beruhen am IÖG, dem Inbegriff der öffentlichen Gaukelei, alle derartigen Prüfungen auf solchen Einschätzungen!

 

War ich Wolfram für seine scheinbare Gnade in diesen Tagen des Juni 2001 noch geradezu dankbar gewesen, so treten seine wahren Motive aber aus der Rückschau klar hervor: Denn das auf Papier dokumentierte Ergebnis der schriftlichen Staatsprüfung ließ sich bei weitem nicht so leicht unter den Tisch kehren wie das der mündlichen Aufnahmsprüfung, bei der im nachhinein vielleicht nicht ganz so leicht zu sagen ist, was im einzelnen wirklich geschehen war. Da Wolfram aber spätestens seit der Kunstgeschichte-Farce vom Jahr davor wissen musste, dass ich bestimmt nicht zu den üblichen Schäfchen gehörte, die demütig gesenkten Hauptes an sein Institut pilgern, und er schlimmstenfalls damit rechnen musste, dass ich das gängige Prüfungsprinzip bereits jetzt vollständig durchschaut haben könnte oder zumindest im Falle einer regulären dreimonatigen Reprobation nach ausgiebiger Rücksprache mit den Kollegen den Schwierigkeitsgrad und vor allem die Menge meiner Prüfungsaufgabe radikal hinterfragen und vielleicht den allergrößten Wirbel schlagen würde, trat er statt dessen lieber die Flucht nach vorne an, um mich durch sofortige Wiederholung möglichst rasch aus dem „Kurs“ zu entlassen.

Was uns hier somit plastisch entgegentritt, ist ein System von Pseudoprüfungen eines selbstgefälligen Instituts, das jahrzehntelang schlicht und ergreifend nichts anderes getan hat, als unter dem undurchdringlichen Deckmantel einer angeblich elitären „Ausbildung“ eine der wissenschaftlichen Wirklichkeit völlig entrückte und künstliche Realität zu erzeugen, unter den blinden Augen des zuständigen Ministeriums bei den Prüfungen mit an die Kandidaten angepassten Schwierigkeitsgraden zu arbeiten, sich auf diese Weise anzumaßen darüber zu entscheiden, welche Menschen ein Anrecht auf Arbeit und Brot in den Archiven dieses Landes haben, und dadurch in weiten Teilen des historischen Wissenschaftsbetriebes eine stinkende Atmosphäre von Unterordnung, Hilfeheischung und Dankbarkeit zu erzeugen.