6.2 Der "Kurs" ändert sein Gesicht

Nach dem Ende des 62. Institutskurses, der erstmalig als Lehrgang universitären Charakters mit abschließender Verleihung eines MAS-Grades organisiert gewesen war (BGBl. II, Nr. 232/1999), wurden im Zuge einer Übergangsphase die organisatorischen Rahmenbedingungen erneut geändert, und in weiterer Folge wurde der traditionelle Lehrgang im Sinne des neuen dreistufigen Studiensystems (BGBl. I, Nr. 120/2002) in ein Magisterstudium umgewandelt. Durch die im Jahr 2006 erfolgte Änderung des Universitätsgesetzes (BGBl. I, Nr. 74/2006) wurde schließlich aus dem Magisterstudium nominell ein Masterstudium – von der methodisch-didaktischen wie auch inhaltlichen Ausrichtung her blieb der „Kurs“ aber unter dem einen wie auch dem anderen Namen weiterhin dem 19. Jahrhundert verhaftet. Als ich das erste Mal im Internet das einschlägige Curriculum zu sehen bekam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen:

 

„§ 1 Das Magisterstudium "Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft" dient der vertieften geschichts- und archivwissenschaftlichen Ausbildung und Berufsvorbildung. Es vermittelt folgende Qualifikationen:
• Beherrschung der wesentlichen Methoden der Geschichtsforschung, insbesondere jener, die die Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart betreffen;
• Beherrschung der Historischen Hilfswissenschaften;
• Kenntnisse der historischen Quellen, sowohl der schriftlichen als auch der nicht-schriftlichen, wobei die Quellen zur österreichischen Geschichte besondere Beachtung als Paradigma einer europäischen Quellenkunde verdienen;
• Beherrschung der Archivwissenschaft;
• Beherrschung der Methoden moderner Dokumentation und Informationsverwaltung;
• Qualifizierung für die archivarische Bearbeitung Neuer Medien;
• Grundkenntnisse des Bibliotheks- und Museumswesens;
• Qualifizierung für ein anschließendes Doktoratsstudium aus den historischen Fächern;
• Qualifizierung für Berufsfelder, die der wissenschaftlichen Erschließung, der Betreuung und Vermittlung von schriftlichen und nicht-schriftlichen Denkmalen der Geschichte im öffentlichen und privaten Bereich dienen; darüber hinaus Qualifizierung für alle Berufe, die der Pflege der Kultur dienen.“

 

Auch der im von mir besuchten 62. Institutskurs verliehene Abschlussgrad hatte bereits gelautet: „Master of Advanced Studies (Geschichtsforschung und Archivwissenschaft)“ – allerdings hatte unser Kurs mit Archivwissenschaft nur zum geringeren Teil und mit Geschichtsforschung allerdings überhaupt nichts zu tun gehabt. Unser Kurs hatte, wie auch alle 61 Kurse davor, mit den Historischen Hilfswissenschaften zu tun, jenen Historischen Hilfswissenschaften, die aus dem regulären Geschichtestudium leider verbannt sind, und zwar aus jenem regulären Geschichtestudium, das mit Archivwissenschaft im Normalfall zwar auch etwas weniger, mit Geschichtsforschung allerdings ziemlich viel zu tun hat. Die Phantasmagorien des Magisterstudiums "Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft" setzten dem Fass nun endgültig die Krone auf:

 

  • Beherrschung der wesentlichen Methoden der Geschichtsforschung ...“ – Es steht zwar leider nicht dabei, welche fabelhaft-namenlosen Methoden das sein könnten, Hauptsache ist doch aber immerhin, dass ihre Beherrschung vermittelt wird! Eine derart dummdreiste Märchenerzählerei ist wahrlich nicht mehr zu überbieten.
  • Beherrschung der Historischen Hilfswissenschaften“ – frei nach dem Motto: Jeder muss alles können!
  • Kenntnisse der historischen Quellen ...“ – vor allem jener aus dem Umfeld der eigenen Dissertation.
  • Beherrschung der Archivwissenschaft“ – einer Archivwissenschaft, von der echte Archivare, die sowohl ihr Archiv als auch ihren Beruf kennen, noch nie gehört haben.
  • Qualifizierung für ein anschließendes Doktoratsstudium aus den historischen Fächern“ – war der traditionelle „Kurs“ zuletzt als postgradualer Lehrgang beworben worden, so mutierte seine neue Form plötzlich zur prädoktoralen Qualifikation! Ob jemand für ein Doktorat tatsächlich qualifiziert ist, zeigt sich allerdings erst dann, wenn er nach zwei Jahren staubiger Archiv- und nachfolgender Schreibtischarbeit seine Dissertation fertiggestellt hat.

 

Aber Papier ist bekanntlich geduldig, und auch an den Mysterien des 62. Kurses kaute ich immer noch herum.