6.3 Ein Strahl in der Dunkelheit

Das erste hellere Licht jedenfalls begann mir Anfang 2003 zu leuchten, als ich erstmals die Umstände meiner Aufnahmsprüfung von 1999 zur Gänze durchschaute: Die Drecksau hat mich reingelegt! Aber noch gab es für mich keinerlei sinnvolle Verknüpfung zwischen Aufnahmsprüfung und Staatsprüfung, obwohl bereits verschiedene kleinere Details die Annahme verstärkten, dass ich es hier wohl doch nicht einfach nur mit irgendeiner herkömmlichen Ausbildungsstätte für Historiker oder Archivare zu tun hatte. Von einem integrativen Gesamtbild der Erlebnisse aus drei Jahren IÖG war ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch deutlich entfernt. Im Zusammenhang mit der mich gedanklich nicht loslassenden Staatsprüfung irritierte mich gravierend die nicht von der Hand zu weisende Erkenntnis: Das hätte doch auch Thomas Wallnig niemals gekonnt, und der war doch Stipendiat! – bis sie mich schließlich zu dem vorerst noch etwas unscharfen Verdacht führte: Da stimmt doch irgendetwas nicht! Und irgendwann, es mag im Jahr 2004 oder 2005 gewesen sein, kam dann auch noch jener denkwürdige Moment, als ich eines Tag (im gewohnten Dialekt) plötzlich zu mir selbst sagte: „De vaorschen die gaunze Wöd!

Der entscheidende Scheinwerfer schließlich ging mir Mitte Jänner 2006 auf, als ich mir, viereinhalb Jahre nach Kursende, aus einem momentan auftauchenden Interesse heraus selbst die Frage stellte, was denn damals in der Editionstechnik eigentlich an Beispielen geübt worden sei. Ich wusste es ad hoc nicht, also holte ich aus dem säuberlich asservierten Stoß meiner Kursunterlagen die Mappe „Editionstechnik“ heraus und schlug sie auf – bis auf einige Zeilen Mitschrift und ein paar kopierte Blätter von zwei IÖG-fremden Editionsrichtlinien, die einen abgedruckt im „Archiv für Reformationsgeschichte“, die anderen im Selbstverlag des „Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine“, war sie gänzlich leer.

Ich hatte nämlich einige Monate nach Kursende meine in drei Jahren angesammelten Papierstöße gesichtet, alles damals unwichtig Erscheinende aussortiert, aber sämtliche Mitschriften und so gut wie alle auf Papier kopierten einschlägigen Quellenstücke aufgehoben, so dass ich auch heute noch etwa den Ablauf und das Anschauungsmaterial beider Paläographien des Vorbereitungsjahres oder auch der Diplomatik im Hauptkurs detailgenau nachvollziehen kann; diese Mappen quollen auch Anfang 2006 nach wie vor fast über. Die Mappe „Editionstechnik“ hingegen war leer – in Wirklichkeit hatte ich zwar keineswegs alles daraus gänzlich weggeworfen, aber das wusste ich in diesem Moment schon lange nicht mehr. Es war bloß augenblicklich einfach überhaupt nichts da. Also dachte ich nach und suchte in der Erinnerung nach markanten Szenerien der Zeit, die mir vielleicht weitere Rekonstruktionen ermöglichen konnten. Und ich hatte noch gar nicht lange in der Vergangenheit geschweift, da fiel mir auch schon der Name: Otto Scrinzi ein – und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der wollte uns gar nicht wirklich etwas beibringen, der wollte bloß wissen, was alle können!

Da ich mich mit dem Institut als solchem inzwischen aber schon länger nicht mehr beschäftigt hatte, besuchte ich nun einmal dessen Website, und was musste ich dort unter dem Punkt „Aktuelles“ beim Magisterstudium lesen: „Wir haben auch sechs Leistungsstipendien zu vergeben.“