7. Das Bild wird klar
Tatsächlich fand sich auf der Seite des Instituts auch der genaue Hinweis, dass Mitte Februar 2006 eine entscheidende Sitzung über die nächste Vergabe der sechs Stipendien stattfinden werde – in diesem Augenblick war das ein zeitlicher Horizont von knapp vier Wochen.
Mich durchfluteten jetzt bereits zahlreiche Ideen und bildliche Vorstellungen, und vor meinem geistigen Auge ließ ich die großen Stationen des 62. Kurses Revue passieren. Um keinen Gedanken zu verlieren, öffnete ich ein neues Word-Dokument und notierte in Stichworten untereinander die Punkte, die mir einfielen. In den folgenden Tagen setzte ich mich immer wieder an den Computer, um aus den Stichworten Sätze und aus den Sätzen Absätze zu bilden und dann die Absätze zum Kontext eines Briefes zu verbinden. Bis Anfang Februar wollte ich unbedingt damit fertig sein, denn mein Schreiben, das ich unter dem Titel „Missbrauch von Stipendiengeldern am Institut für Österreichische Geschichtsforschung“ an die Sektion sieben des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur adressierte, sollte dort jedenfalls vor dem angekündigten Vergabetermin eintreffen. Das ging sich auch recht leicht aus, und als ich den Brief am 4. Februar 2006 unterzeichnete, da hatte ich knapp neun Seiten geschrieben – und ich war der Meinung, ich hätte alles gesagt.
Hatte ich unmittelbar nach dem Absenden des eingeschriebenen Briefes wieder zu einer gewissen Ruhe gefunden, so ereilten mich bereits wenige Tage später die nächsten Gedanken und Bilder, weitere Details fielen mir ein und stellten sich in den Zusammenhang der Materie. Eine Rückmeldung auf mein erstes Schreiben gab es nicht, und ich wusste daher weder, ob es verstanden noch zunächst ob es überhaupt angekommen war – bereits am 25. Februar 2006 hatte ich aber das zweite Schreiben fertiggestellt, wieder neun Seiten lang. Wieder erhielt ich keine Antwort, also entschloss ich mich zu einem dritten Schreiben von nun zwölf Seiten (18. März 2006), welches jetzt endgültig das letzte sein sollte, in dem ich aber explizit um wenigstens kurze Rückmeldung ersuchte.
In der Zwischenzeit hatte sich die Website des IÖG allerdings merklich verändert, denn die für Februar angekündigte Stipendiensitzung war plötzlich um ein halbes Jahr auf den 9. Oktober 2006 verschoben worden. Wenn dieser Umstand tatsächlich auf den Einfluss meiner drei Briefe zurückzuführen sein sollte, so begann ich nun auch zu ahnen, in welcher eigenartigen Situation die zuständigen Beamten sich fühlen mussten, denn ich formulierte meine Schreiben stilistisch wie inhaltlich so, dass ich ihnen jeweils das mitteilte, was sie aus Ihrem eigenen Wissens- und Erfahrungshintergrund heraus vermutlich nicht oder nur unzureichend wissen konnten. Antwort erhielt ich weiterhin nicht, rechnete jetzt aber auch definitiv nicht mehr damit.