7.3 Die Konferenz

Am 23. August 2006 erschien ich daher etwa fünf Minuten vor zehn Uhr vormittags im Vorzimmer des Büros von Ministerialrat Dr. Popelak in der Wiener Teinfaltstraße. In einer Aktenmappe hatte ich die kürzlich erstellten Listen und Grafiken, dann diverse Dokumente aus dem Kursverlauf sowie auch eine gewisse Menge paläographisches Anschauungsmaterial dabei. Nachdem ich ganz kurz gewartet hatte, wurde ich in das geräumige Ministerialratsbüro geleitet, dort waren mehrere Hände zu schütteln, und schließlich setzte man sich in die bequeme Fauteuilgruppe im vorderen Bereich.

Im Raum anwesend waren Ministerialrat Popelak selbst, der mir mit dem Rücken zum Fenster frontal gegenüber saß, dann der angekündigte Mitarbeiter der Rechtsabteilung, von mir aus gesehen rechts sitzend, sowie ihm gegenüber Frau Amtsdirektor Hönig, die das gesamte Gespräch als stenographisches Protokoll aufgezeichnet hat. Es begann jedenfalls mit dem kurzen Frage-Antwort-Komplex: „Sie haben uns also geschrieben?“ – „Zugegebenermaßen! 

Nicht anwesend war allerdings der mündlich angekündigte Institutsdirektor Prof. Brunner, und es wurde von Ministerialrat Popelak vor meinen Augen ein inszeniertes Schauspiel veranstaltet, das den Eindruck erwecken sollte, Brunner wäre zwar eingeladen worden aber aufgrund irgendwelcher Verrichtungen, die wohl wichtiger waren als ein solcher Gesprächstermin, jetzt leider doch verhindert. Der Höhepunkt der Schmierenkomödie bestand darin, dass nach einigen Minuten plötzlich die Tür aufging, eine Bürotussi mit dem Handy in der Hand hereinstolperte und mit oscarverdächtiger Geste ins Zimmer hauchte: „Er is in Klosterneuburg.

Wie im Endeffekt nicht schwer zu erkennen war, hatte es nie eine Absicht gegeben, Brunner von meinen Schreiben in Kenntnis zu setzen, und der vorgeschützte Gesprächstermin sollte wohl hauptsächlich dazu dienen, mich selbst einer näheren Begutachtung zu unterziehen und mir gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, man stünde mit dem IÖG ohnehin im friktionsfreien Einvernehmen. Hatte Frau Hönig, die am Telefon sehr freundlich geklungen hatte, offenbar von Popelak die Anweisung erhalten, während des gesamten Gesprächs eine steinern-unfreundliche Miene aufzusetzen, so setzte Ministerialrat Popelak selbst auf ein in Abständen eingestreutes süffisant-mitleidiges Lächeln, welches ihm jedoch, je länger das Gespräch dauerte, mehr und mehr zu entgleiten und entgleisen begann, so dass er zum Ende hin aus der Anstrengung der Konzentration heraus zeitweilig fast schon krampfhaft das Gesicht verzog.

Da Popelaks zurechtgelegte Strategie offensichtlich darin bestand, sich selbst auf keinerlei inhaltliche Diskussion einzulassen („Wir haben alles ans Institut weitergeleitet – das sind Experten!“), war in sachlicher Hinsicht somit nichts zu besprechen, und da der Institutsdirektor fehlte, gab es letztlich auch nichts auszureden. Und nachdem Popelak dann offenbar gesehen hatte, was er sehen wollte, war er sichtlich bestrebt die Sache abzukürzen: „I muaß daunn weg.“ Der letzte Teil des Gesprächs, von Popelak gnädig genehmigt („Fünf Minuten hauma no.“), der sich allerdings mehr als Monolog von meiner Seite gestaltete, bestand darin, dass ich Popelak den Zusammenhang meiner beiden Stelzer-Prüfungen auseinandersetzte und ihn dabei genau beobachtete. Klar war zu erkennen, dass er den Informationsgehalt aller meiner Schreiben bis hin zu den Grundproblemen der Paläographie zur Gänze verstanden hatte – er war derjenige gewesen, dem ich geschrieben hatte, ohne ihn zu kennen.

Als ich Popelak ganz zuletzt, bereits im Stehen, unvermutet die Frage an den Kopf warf: „Sie beobachten das ja vermutlich schon länger – hat es eigentlich schon mal Beschwerden gegeben?“, war er bereits so aus dem Konzept gekommen, dass das süffisante Lächeln völlig erstorben und er nur noch zu einem laut herausgestoßenen „Na, nie!“ in der Lage war. Und als ich mit aufgesetzt-strenger Miene nachhakte: „Mal irgendein Vater oder so?“, da blitzte nur noch die blanke Angst aus seinen Augen, ertappt worden zu sein, und er brüllte mir entgegen: „Des Institut steht international sehr guat do!“ Ich habe die Information gerührt zur Kenntnis genommen.