8. Psychogramm einer Gruppe

Wo Menschen und ihre verschiedenen Organisationsformen in Konkurrenzverhältnissen zueinander leben, wie es beispielsweise auch Unternehmen tun, die sich im Wettbewerb untereinander an ihren Bemühungen um Produktqualität und Kundenservice messen lassen müssen, dort sind sie gezwungen, ihr Tun und Lassen beständig nach diesen Wettbewerbssituationen auszurichten, sich zu verändern, zu verbessern und weiterzuentwickeln. Tun sie dies nicht, so laufen sie Gefahr ökonomisch zugrunde zu gehen, und zumindest nach der in der westlichen Welt gängigen Wirtschaftsordnung (inklusive der abgemilderten sozialen Marktwirtschaft) gilt dies sogar als ein gerechtfertigter und durchaus erwünschter Ausleseprozess – schon allein im Interesse der Kunden und deren Bedürfnisse.

Das IÖG hingegen hat es im Laufe seiner Geschichte tatsächlich zuwege gebracht, sich als scheinbar „konkurrenzlose“ Institution zu etablieren, sich eine mit allen Tücken verteidigte Monopolstellung zu schaffen und damit die Notwendigkeit jeglicher Veränderung, Korrektur oder Weiterentwicklung schlichtweg auszuschalten. Denn mit zehn oder zwanzig unterschiedlich schwer lesbaren, unterschiedlich langen und inhaltlich unterschiedlich komplexen Prüfungsaufgaben sowie dem Abrakadabra des „Jeder muss alles können!“ lässt sich nicht nur jede charakterliche, sondern natürlich auch jede fachdidaktische Verirrung problemlos kaschieren.

Innerhalb des dadurch künstlich erzeugten glashausartigen Biotops hat sich eine Flora und Fauna von teils abgehobenen, teils selbstüberhobenen Fachvertretern angesiedelt, die einen von außerhalb nahezu undurchdringlichen Urwald von in die Gegend gelehrten, teils auch entleerten Disziplinen bewohnen und sich darin geborgen und unangreifbar fühlen. Es ist bisweilen ein fast schon ähnliches Verhalten, wie man es von den verzogenen Kindern reicher Eltern kennt, die rasch gelernt haben, dass sie sich eigentlich alles erlauben können – wenn der steinewerfende Knabe die Fensterscheibe des Nachbarn einschlägt, was soll ’s, der Vater zahlt den Schaden ja aus der Portokasse, und der Nachbar wird es doch wohl nicht wagen, sich am grinsenden Knaben zu vergreifen!

Ob es der Max&Moritz Stelzer ist, der nach dem Ansägen einer Brücke dann aber doch lieber die Flucht ergreift, der Struwwelpeter Häusler, der zwischen Dein und Mein nicht ganz unterscheiden kann, der Pinocchio Rosenauer, dem beim Wort Barock der Zinken schwillt, oder das Prüfungsduo Dienst und Lackner vielleicht als Karl Valentin und Liesl Karlstadt – es ist ein und dasselbe Bild einer von der Außenwelt merkwürdig abgeschotteten, bisweilen bereits hart an der Grenze des Infantilen dahinexistierenden Katakombenversammlung. Im selben Moment, in dem ein Betreter dieser Welt den in ihr herrschenden Vorstellungen von Unterordnung und Hilfeheischung nicht entspricht, bricht ihre verkrustete Oberfläche auf und der ungeschönte Kern tritt sichtbar zutage.