8.1 Eine überkommene Institution
Seit dem Jahr 1898, als der bereits seit 1854 bestehende zweijährige Institutskurs auf drei volle Jahre verlängert wurde, bis an den Anfang des 21. Jahrhunderts war für den am IÖG abgehaltenen Lehrgang stets seine besondere Zweiteilung charakteristisch, nämlich in ein sogenanntes „Vorbereitungsjahr“, das mit einer „Aufnahmsprüfung“ endete, und in einen zweijährigen „Hauptkurs“. Nun sind Aufnahmsprüfungen an sich ja nichts Ungewöhnliches: Auch wer ein Sport- oder ein Kunststudium beginnen will, muss eine Aufnahmsprüfung ablegen; der Unterschied liegt nur darin, dass in diesen Fällen die Aufnahmsprüfung vor dem Beginn des Studiums zu bewältigen ist – und nicht nach dem ersten Drittel.
Mit dem Augenblick des Bestehens dieser „Aufnahmsprüfung“ jedoch wurden mit einem Schlag aus fremden Menschen, die zum IÖG gepilgert waren wie einst Kwai Chang Caine zum Shaolintempel, vertrauenswürdige provisorische „Mitglieder des Instituts“, denen nun ganz besondere Rechte in der Nutzung der Institutsräumlichkeiten und ähnlichen Belangen zukamen. Am deutlichsten drückte sich das solcherart entstandene Vertrauensverhältnis darin aus, dass nun jeder einzelne von ihnen einen eigenen Türschlüssel erhielt, mit dem er sich selbst Tag und Nacht Zutritt zum Institut verschaffen konnte. Alle hingegen, die die Aufnahmsprüfung nicht oder noch nicht bestanden hatten, blieben weiterhin Fremde ohne Schlüssel, so als hätte man Ihnen mit dem Nichtbestehen der Prüfung auch ein moralisches Versagen unterstellt.
Mit dem Erhalt seines eigenen Schlüssels trat das provisorische „Mitglied“ aber nun auch andererseits in eine kleine Welt für sich ein, die sich irgendwann in der Vergangenheit ihre eigenen Regeln gegeben hatte und diese stets möglichst unverändert an die nächste Generation weiterzugeben trachtete.
Bis etwa gegen Ende der 1970-er Jahre, als sich in den Geisteswissenschaften ein allgemeiner Akademikerüberschuss deutlich zu zeigen begann, bedeutet die erfolgreiche Absolvierung des IÖG fast so etwas wie eine kleine Jobgarantie. Mit dem „Staatsprüfungszeugnis“ in der Tasche, auf dem ein rotes Siegel und die Unterschriften einer Reihe honoriger Persönlichkeiten der Wissenschaft prangten, war der Absolvent prädestiniert, einen der relativ wenigen Posten in den wichtigeren Archiven des Landes einzunehmen. Diesen Erfolg, der eine gesicherte wirtschaftliche Existenz bedeuten konnte, erkaufte sich der Kandidat in der Regel mit harter Arbeit und – sofern er nicht ein absolutes Genie war, was allerdings selten vorkam – mit dem graduellen Wohlwollen seiner Lehrer am IÖG, denen aufgrund dieser Umstände eine nicht unbeträchtliche Machtfülle zukam.
Nun unterscheidet sich das IÖG und sein Lehrkörper in einer Hinsicht aber wenig bis gar nicht von anderen menschlichen Gruppen und Sozietäten, nämlich darin, dass sich da wie dort zumeist ein breit gefächertes Spektrum von Persönlichkeitstypen und menschlichen Charaktereigenschaften vorfindet. Und nicht jeder Charaktertyp kann mit Macht über andere Menschen gleichermaßen gut umgehen – die theoretischen Möglichkeiten reichen in einem weiten Bogen von der absolut integren Unbestechlichkeit bis zur Hybris des ausgeprägten Größenwahns.