8.2 Auf Legenden gebaut

Charakteristisch für das typische Prüfungsverfahren des IÖG ist eine in besonderer Weise „individuelle“ Prüfung jedes einzelnen Kandidaten bei der Mehrzahl der Prüfungen. Bis auf den einen hier schon beschriebenen Fall haben an diesem Institut noch niemals zwei Kandidaten dieselbe Prüfungsaufgabe erhalten. Würde man nun aber regelmäßig allen Teilnehmern eines Lehrganges genau dasselbe Prüfungsbeispiel geben, um die Ergebnisse dadurch dann auch wirklich vergleichen zu können, etwa für die korrekte Vergabe von Leistungsstipendien, dann gäbe es grob zwei Möglichkeiten:

 

  • Erste Möglichkeit: Man gäbe Ihnen etwas sehr „Schweres“. Das hätte aber dann den unerwünschten Effekt, dass neun von zehn Kandidaten durchfallen würden, die man dann die Prüfung mit einem leichteren Text wiederholen lassen müsste, damit das IÖG der Öffentlichkeit überhaupt noch „ausgebildete“ Paläographen präsentieren könnte.
  • Zweite Möglichkeit: Man gäbe Ihnen etwas recht „Leichtes“. Das würde zwar dazu führen, dass neun von zehn Kandidaten problemlos durchkommen würden, hätte dann aber wiederum den unerwünschten Effekt, dass auch sonst jeder Interessierte ganz leicht und angstfrei durchkommen könnte, auch wenn er sich um das IÖG und dessen ideologische Eigenbrötlereien einen feuchten Staub scheren sollte.

 

Damit nun genau letzterer Fall möglichst nicht eintreten kann, ist einst eine Legende erschaffen worden, die sich in dem ebenso lapidaren wie stumpfsinnigen Satz ausdrückt: „Jeder muss alles können.“ Und daher werden folgerichtig die Kandidaten seit jeher in der beschriebenen Weise geprüft – ob damit die gesamte Öffentlichkeit oder ein gutgläubiges Ministerium um Tausende Euro an Stipendiengeldern geprellt werden, ist diesen Leuten wahrlich egal.

Es wäre auch völlig verfehlt anzunehmen, dass hier irgendeine Form von Unrechtsbewusstsein bestehen könnte – Menschen, die sich selbst aus der niemals abgelegten Tradition einer Universität des 19. Jahrhunderts heraus für eine absolute Autorität ihres Faches halten, sind auch hier aus Ihrem tiefsten Inneren heraus davon überzeugt, es in jedem Falle besser zu wissen. Die mit dem Lauf der Zeit zwar personell wechselnden, aber sich sonst nicht wesentlich unterscheidenden Institutsdirektoren – der derzeitige etwa[1] stellt in linearer Folge bereits die dritte Generation einer „Dynastie“ (H. Wolfram) von Professoren und ihren jeweiligen persönlichen Assistenten dar – haben nicht die geringste Schwierigkeit, unbedarften Außenstehenden, die vom Ozean der Historischen Hilfswissenschaften nicht einmal einen Fingerhut voll kennen, ein x nicht nur für ein u, sondern für jeden beliebigen Buchstaben des Alphabets vorzumachen.

Damit ist irgendwann – vielleicht zunächst einmal gar nicht mit dieser eindeutigen Intention – ein System begründet worden, zu dessen Wesen es jedoch geworden ist, lernwillige und leistungsbereite junge Menschen nicht nur um einen ehrlichen Leistungsvergleich zu betrügen, sondern sie mit vorgegaukelten Erfolgen zum Selbstbetrug zu verführen und mit auf diese Weise inhaltlich entleerten, aber umso hochtrabenderen Titeln zu korrumpieren.

 



[1] Karl Brunner, IÖG-Direktor vom 1. Oktober 2002 bis 30. September 2009.