8.3 Mitgliedschaft verpflichtet
Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Die letzten Wochen und Tage vor dem jeweiligen Prüfungstermin sitzen die Lehrenden des IÖG in freudiger Erregung in ihren stillen Kämmerlein und lassen das letzte Gruppenfoto des Kurses – Gesicht für Gesicht – an sich vorüberziehen: Also dem gebe ich das und dieser als Belohnung jenes, die geschwungenen Unterlängen passen ohnehin gut zu ihren Haaren, du bist glaube ich eingearbeitet, also versuch dich mal probeweise daran, aber beiß dir nicht die Zähne aus – und der arme Kleine mit der Brille da, na dem muss ich aber helfen!
Man mache nicht den Fehler, das eben Gesagte auch nur für leicht überzeichnet zu halten – bei den Motiven der Auswahl von Prüfungsaufgaben gibt es keine Absurdität, die es nicht gibt!
Was sich in all dem, auf die eine oder andere Weise, ausdrückt, gehört mit zu den Wesenszügen dieses Instituts, dessen Absicht es nicht etwa ist, ankommende Unwissende durch eine einheitliche Ausbildung und reguläre Prüfungen zu nach drei Jahren wieder gehenden Wissenden eines gemeinsamen Niveaus zu machen, sondern zunächst (mit Ausnahme des historischen Interesses) eher unbeteiligte Fremde zu involvierten „Mitgliedern des Instituts“ umzuformen, die dem persönlichen Bezugsrahmen, der ihnen (im früheren Idealfall) eine gesicherte wirtschaftliche Existenz verschaffen konnte, auch ein ganzes Leben lang in Loyalität und Treue verbunden bleiben würden. Sollte ein Absolvent dann nach Jahren oder Jahrzehnten in entsprechender beruflicher Position sogar als Vortragender wieder ans IÖG berufen werden, so gilt diese Treueverpflichtung für ihn natürlich noch umso mehr, wobei er dann neben dem einfachen Prädikat des „Mitgliedes“ oft auch noch den Hochadelstitel eines „Honorarprofessors“ verliehen erhält. Die Dankbarkeit ist zumeist grenzenlos.
Dieses wechselseitige Bezugssystem, das zumindest während der drei Jahre des Kurses eher einseitigen Charakter besitzt, da die bis zum Schluss dabeibleibenden Teilnehmer dem maschinerieartigen Ablauf und dem speziellen Prüfungssystem ausgeliefert sind, sich ihm aus Idealismus und echter Leistungsbereitschaft aber willentlich aussetzen, kann bei manchen Lehrenden das Bewusstsein der eigenen Machtfülle bisweilen zu regelrechten Besitzansprüchen gegenüber der Persönlichkeit des Teilnehmers steigern.
Und wer nicht als „Star“, sondern als "Normaler" wie etwa Abteilungsleiter Dr. Theimer bei Prof. Stelzer die Prüfungen aus „Lateinische Paläographie“ bestehen wollte, der musste entweder als Mann ständig vor Angst schwitzen – oder eine hübsche Frau sein. Die rothaarige Dr. Elke Hammer etwa hatte mit Stelzer dann auch niemals Schwierigkeiten, seit er einmal in der Paläographie-Vorlesung die englische Wortfolge „see sun a saw bears mud ale“ an die Tafel schrieb und sie dann aufforderte, den Satz laut vorzulesen. Zu beiden Möglichkeiten wäre ein Mann über vierzig wie Dr. Theimer wahrscheinlich nur ungern bereit gewesen.