8.4 Der schöne Schein

Es gibt ein interessantes Phänomen, das ich selbst für mich als die „natürliche Schrifthierarchie“ bezeichne: Wenn Sie hundert verschiedenen Leuten, die mit Paläographie noch nie zu tun hatten, die dreißig wichtigsten Schrifttypen der auf dem lateinischen Alphabet beruhenden Schriftkultur mit der Anweisung vorlegen, diese nach dem Grad der Lesbarkeit zu sortieren, die leichteste oben und die schwierigste unten, so werden geschätzte siebenundneunzig Leute dabei zum exakt gleichen Ergebnis kommen. Und zwar werden alle diese siebenundneunzig Leute die Capitalis ganz oben liegen haben und die Litterae caelestes ganz unten, die karolingische Minuskel weit über der gotischen Bastarda, die Humanistenkursive extrem markant über der deutschen Barockschrift, und sie werden auch überall dazwischen zu den fast völlig identischen Abstufungen gefunden haben. Und sollten Sie zufällig einen dabei haben, der zwar auch die Litterae caelestes ganz unten hingelegt hat, aber Ihnen den Text plötzlich vom Blatt herunter vorliest – nun, dann freuen Sie sich, denn dann haben Sie gerade ein paläographisches Supergenie entdeckt!

Dass das IÖG über keine echten Lehrmethoden im Bereich der Paläographie verfügt, weil solche dort noch nie gebraucht wurden, heißt aber natürlich nicht, dass es solche überhaupt nicht gibt oder dass echte Fachleute solche nicht erstellen könnten. Die seit der römischen Antike geschriebene Schrift gleicht einem riesigen Pool von Formen und Gestalten, die sich in zahllosen Variationen durch die Jahrhunderte von Mittelalter und Neuzeit ziehen, sich bald verästeln, bald ins Unerkennbare verändern, bald in verblüffender Ähnlichkeit wieder auftauchen. Eine systematische Lehrtätigkeit muss auf diese Besonderheiten eingehen und sich mit jeder einzelnen Schrift von deren Grundlagen her auseinandersetzen.

Einen Lehrer im Bereich der Paläographie wie auch aller paläographisch arbeitenden Fächer, der diesen Namen verdient, müsste ununterbrochen etwa die folgende Frage beschäftigen: Ich selbst kann heute, mit all meiner Begabung sowie jahrzehntelangen Übung und Erfahrung, vielleicht an die 90 Prozent aller mir bekannten Texte einigermaßen sicher entziffern – wie bringe ich möglichst alle meine zwanzig Studierenden dorthin, dass diese innerhalb von drei Jahren vielleicht knapp 65 Prozent einigermaßen sicher entziffern können müssten und ich daher mit gutem Gewissen 60 Prozent prüfen kann?

Einen durchschnittlichen „Lehrenden“ am IÖG beschäftigt hingegen diese Frage: Von meinen zwanzig Studierenden könnten heute, von allen mir bekannten Texten, drei Leute etwa 30 Prozent entziffern, sieben Leute 40 Prozent, fünf Leute 50 Prozent, dann vier Leute 60 Prozent, und einer ist dabei, der kann noch viel mehr lesen als ich selbst – welche Prüfungsaufgaben kann ich ihnen jeweils am besten geben, damit jeder fest daran glaubt, dass er alles kann?

Und einen Stelzer beschäftigt dann eben diese Variation: Von meinen zwanzig Studierenden könnten, von allen mir bekannten Texten, drei Leute etwa 30 Prozent entziffern, sieben Leute 40 Prozent, fünf Leute 50 Prozent, dann vier Leute 60 Prozent, und einer ist dabei, der kann noch viel mehr lesen als ich selbst – und wenn auch nur einer nicht spurt, dann kann ich ihm die schwierigste und am stärksten gekürzte Schrift und außerdem drei mal so viel Text wie den anderen geben, denn ich lächerliches Rumpelstilzchen, dessen Verschlagenheit nur noch von seiner Feigheit übertroffen wird, bin hier der Herrscher am Pult!