9.1 Kaum zu durchschauen
Auf den ersten Blick und zumal für einen durchschnittlichen Studienanfänger ist all dies natürlich völlig unersichtlich, da der Lehrgang – in der traditionellen wie in der neuen Form – aus einem bunten Gemisch verschiedenartigster Fächer mit schriftlichen und/oder mündlichen Prüfungen und jeweils ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Anforderungsprofilen besteht. Aber auch in späterer Folge muss es niemandem wirklich auffallen. Festmachen kann man es nur an den Prüfungen, und davon gab es jahrzehntelang nur zwei große Termine: am Ende des ersten und am Ende des letzten Kursjahres, wobei aber niemals einem Kandidaten die Aufgaben der anderen gezeigt wurden. Wenn einer es einmal wirklich hätte genau wissen wollen, so hätte das bedeutet:
· Er fragt zunächst einmal alle seine zehn oder zwanzig Kollegen nach deren Aufgaben mit zumeist lateinischen Texten politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, religiösen, schöngeistigen oder sonstigen Inhalts.
· Sodann sucht er sich mit Erlaubnis des Institutsdirektors aus dem Schriftenfundus des IÖG die entsprechenden zehn oder zwanzig paläographischen Tafeln heraus.
· Schließlich setzt er sich mit jeder einzelnen im Mitgliederzimmer genau vier Stunden lang hin, was ihn zehn bis zwanzig einsamste und mühevollste Tage kostet, und schaut dabei, was er selbst bei jeder einzelnen Aufgabe zustande bringen würde.
Wer tut sich so etwas Unvorstellbares an? Wer bliebe dabei außerdem ruhig sitzen, wenn alle zwei Minuten ein Institutsangehöriger vorbeigeht und ihn breit angrinst? Wer will so etwas überhaupt wissen, wenn bei seiner eigenen Prüfung ohnehin alles eitel Sonnenschein war?
Es ist völlig klar, dass die Frage auf diese Weise nicht zu klären ist, allerdings könnten diese Umstände jederzeit anhand der am IÖG aufliegenden Prüfungsakten einer systematisch-vergleichenden Überprüfung unterzogen werden, etwa durch eine Expertenkommission ausgewiesener Hilfswissenschafter. Denn diese gesamte Vorgangsweise ist offenbar so alt wie der „Kurs“ selbst, und sie ist allen Lehrenden des IÖG genauso sehr in Fleisch und Blut übergegangen wie ihre persönlichen Ideologien, die sie in den Vorlesungen entweder ganz offen oder mehr verdeckt zwischen den Zeilen transportieren. Diese Leute kennen nicht nur nichts anderes, können sich auch nicht nur gar nichts anderes vorstellen, sondern beziehen daraus geradezu ihr persönliches und berufliches Selbstverständnis und, je nach Charaktertyp, einen mehr oder weniger großen Teil ihres Selbstwertgefühls.
Und sofern man jetzt noch boshafter und völlig ungerechtfertigter Weise unterstellen wollte, dass es am IÖG einen Professor gäbe, der an einem angeborenen und in der unter einem autoritären Vater verlebten Kindheit schwerst ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex leide, den er mit allen Mitteln zu kompensieren sucht – wie erhebend müsste es doch für so ein Männlein sein, als Ich-Erweiterung der besonderen Art bei der Aufnahms- oder Staatsprüfung (im Prinzip egal) einen ausgewachsenen Archivdirektor beruflich für immer zu vernichten, frei nach dem Motto: Jeder muss alles können – egal was, egal wie viel!