9.2 Nur ein Lernschema
Ein durchschnittlicher Mensch mit normaler und im weitesten Sinne gesunder Leistungsbereitschaft – der also weder ein notorischer Nichtstuer noch ein hyperaktiver Dauerstreber ist – tut eine Sache ganz automatisch und natürlich, und er tut dies im Normalfall auch absolut zu Recht: Ein solcher Mensch bezieht seine persönlichen Erfolge, die er in kleineren oder größeren Abständen immer wieder erlebt, sei es in der Schule, an der Universität, im Berufsleben, in öffentlichen Funktionen, aber letztlich genauso auch im freudig betriebenen Freizeitsport oder in passionierten Hobbies und Steckenpferden, auf sich selbst und die von ihm dafür erbrachten Bemühungen und Anstrengungen. Und ebenso bezieht er die – in einem normalen Leben ganz einfach nicht immer vermeidbaren – zeitweiligen Misserfolge in analoger Weise auf sich selbst und seine möglicherweise eben gerade nicht ausreichenden Bemühungen und Anstrengungen.
Dieses programmierte Verhaltensmuster besitzt eine wichtige Funktion: Durch die auf eigenes Bemühen bezogenen Erfolge (und den damit verbundenen gerechtfertigten Stolz) wird gerade das erfolgversprechende Verhalten bestätigt (und eventuell auch noch weiter verstärkt); durch die im Gegensatz dazu auf mangelndes Bemühen bezogenen Misserfolge ergibt sich eine entsprechende Verhaltenskorrektur in der Gegenrichtung. Somit lernt der Mensch in einer ganz bestimmten Weise aus jedem Erfolg und genauso aus jedem Misserfolg.
Mit Sicht auf die Gesamtheit der menschlichen Gesellschaft ergibt sich dabei auch noch ein zusätzlich wirksamer Effekt: Der Mensch erbringt die für seine persönlichen Erfolge verantwortlichen Bemühungen und Anstrengungen zumeist nicht allein und in isolierter Abgeschiedenheit, sondern im Miteinander und (zumal in nichtkommunistischen Gesellschaftsformen) auch in Konkurrenz zu anderen Menschen. Und gerade in den typischen Konkurrenzsituationen von Schule, Universität und Beruf (die nur allzu oft mit Noten oder Bewertungen, manchmal auch mit Belohnungen oder Stipendien verbunden sind) erlebt er seine Erfolge und Misserfolge am deutlichsten – nämlich im direkten und normalerweise auch nachvollziehbaren Leistungsvergleich mit anderen!
Was aber geschieht, wenn ein solcher Mensch nun plötzlich einen scheinbaren Erfolg (ohne für ihn nachvollziehbaren Leistungsvergleich) erlebt, dessen tatsächliche Ursache aber gar nicht (allein) in seinem Bemühen liegt? Was geschieht weiter, wenn er für diesen scheinbaren Erfolg auch noch über den Klee gelobt wird?
Worauf wird ein solcher Mensch nun auch diesen Erfolg und das damit verbundene Lob beziehen? In welcher Weise wird das maßlose Lob seinen Stolz beeinflussen? Wie sehr werden der maßlose Stolz und seine durch den Erfolg tatsächlich gegebene Rechtfertigung auseinanderklaffen? Was wird dieser Mensch in der Folge tun müssen, um sein solcherart gewonnenes (und unnatürlich erhöhtes) Selbstwertgefühl auch weiterhin aufrecht zu erhalten und niemals in Gefahr geraten zu lassen? Wird er jemals in der Lage sein, seinen eigenen „Erfolg“ auch nur ansatzweise zu hinterfragen?
Und eines ist klar: Niemand könnte einem solchen Menschen, zu welchen argumentativen Rösselsprüngen dieser sich bei konkreter Frage auch genötigt sehen würde, daraus auch nur den geringsten Vorwurf machen – denn er denkt, fühlt und handelt bloß nach einem fix programmierten, in diesem Falle nur eben leider etwas ausgetricksten Lernschema! Wer dieses psychologische Muster verstanden hat, der versteht auch das problematische Selbstbild und die bedingungslose Loyalität vieler „Mitglieder“ des IÖG, die selbst eben doch keine „Stars“ sind, aber der Legende zufolge einer „Elite“ angehören, die alles kann – einzelne Honorarprofessoren inkludiert.