9.3 Verwirrung der Begriffe
Hofrat Tepperberg, der mir viel über das IÖG erzählte, hatte in den 1970-er Jahren seinen eigenen Kurs sogar als Stipendiat absolviert. Tatsächlich dürfte er auch recht gut gewesen sein, zumal er zu dieser Zeit hauptsächlich im mediävistischen Bereich interessiert war – und auch das IÖG damals noch weitgehend auf das Mittelalter ausgerichtet war. Nach dreißig in der neuzeitlichen österreichischen Militärgeschichte verbrachten Jahren hat auch Hofrat Tepperberg an manche mittelalterliche Schriften wohl eher nebulose Erinnerungen, womit er selbst auch gar kein Problem hat.
Aber ihm, als damaligem Personalvertreter des Staatsarchivs, wäre es 1998 ein echtes Anliegen gewesen, dass die Kollegen Dr. Gröger, Dr. Hutterer und vor allem Dr. Theimer ebenfalls den Kurs absolviert hätten, um dadurch ihr fachliches Interesse und ihre Leistungsbereitschaft mit einem Quantum Arbeitsaufwand unter Beweis zu stellen. Ich erinnere mich noch, wie Hofrat Tepperberg in diesem Zusammenhang damals über den „Kurs“ die Äußerung tätigte: „Geh, des is doch eh so prüfungsimmanent.“
Eine im eigentlichen Sinne prüfungsimmanente Lehrveranstaltung, wie etwa ein Proseminar des regulären Geschichtestudiums, ist eine solche, bei der die Note jedes einzelnen Kandidaten weniger aus einer abschließenden Prüfung, als vielmehr aus der laufenden Mitarbeit eruiert wird. Jeder Absolvent eines Magisteriums der Geschichte würde das genau so verstehen. In dieser Weise auf das IÖG bezogen bedeutet der Begriff nun natürlich, dass der jeweilige Lehrende aus der laufenden Mitarbeit eruieren muss, in welcher Weise er jeden einzelnen Kandidaten abschließend zu prüfen hat, damit bei zehn oder zwanzig unterschiedlich schwer lesbaren, unterschiedlich langen und inhaltlich unterschiedlich komplexen Prüfungsaufgaben nicht das absolute Chaos, sondern eine „Staatsprüfung“ herauskommt.
Etwa ein Jahr danach, in den Tagen der Aufnahmsprüfung des 62. Institutskurses im Juni 1999, traf ich Hofrat Tepperberg, wie damals oft, ebenfalls im Staatsarchiv. Die negativen Prüfungsergebnisse von Dr. Gröger und Dr. Hutterer im Fach „Lateinische Paläographie“ waren ihm bereits bekannt, und nun wollte er wissen, wie es mir denn dabei ergangen sei, wohl um einschätzen zu können, ob das Versagen der beiden Kollegen auf Eigenverschulden oder Fremdverschulden zurückzuführen sei. Die (ihm noch wichtigere) Prüfung von Abteilungsleiter Dr. Theimer stand ja, zumindest nach damaligem Wissen, im Herbst noch bevor.
Ich berichtete Hofrat Tepperberg also von meinen eigenen Prüfungsumständen, auch davon, dass es bei mir für ein Stipendium nicht gereicht hätte, wobei ich die ganze Sache tatsächlich aus eigener Überzeugung so darstellte, dass unter dem Strich das „Verschulden“ auf meiner Seite lag: Da war eine mittelalterliche Schrift gewesen, ja sicher, die Buchstaben waren so winzig klein gewesen, dass man eine Lupe gebraucht hätte, und eigentlich hatte ich ganz genau diese Schrift in der Vorlesung niemals zu Gesicht bekommen, aber was sollte es, ich konnte sie nicht ordentlich lesen, ich konnte sie nicht ordentlich bestimmen. Die Schriften der übrigen Kandidaten hatte ich nicht gesehen, und angesichts meiner (daher auch nicht vergleichbaren) Leistung erschien mir das „Befriedigend“ in „Lateinische Paläographie“ geradezu als Geschenk.
Hofrat Tepperberg, der mit den Begriffen „Trecento 1“ und „Trecento 2“, die ich ihm bei meiner Schilderung an den Kopf warf, schon gar nichts mehr anfangen konnte, wiegte nur wissend den Kopf und meinte dann mit Bezug auf Dr. Gröger und Dr. Hutterer zu mir: „Ob des institutspolitisch guat is, dass ma de do so durchrasseln losst?“ Ich konnte als Antwort nur mit den Achseln zucken: Nach dem mir damals einzig möglichen Verständnis der Materie hatte ich zu Recht ein „Befriedigend“ erhalten – und die offenbar „völlig unfähigen“ Ex-Kollegen waren ebenso zu Recht durchgefallen. Die hinter den Kulissen verborgene Konfrontation um meine Note ahnte ich damals noch lange nicht.
Wie mir heute klar ist, müssen am IÖG interne Konflikte dieser Art in den letzten Jahren durchaus häufiger vorgekommen sein, und wenn ich rückblickend alle Indizien zusammenzähle, so muss ich annehmen, dass es einen der gravierendsten bei der Staatsprüfung von 2001 gegeben haben muss. Hofrat Tepperberg jedoch, dem ich auch meine Ergebnisse der Staatsprüfung anvertraute, soweit ich sie damals verstand, war es innerlich unmöglich, das Prüfungsprinzip des IÖG auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Mein negatives Ergebnis im schriftlichen Fach „Lateinische Paläographie und Editionstechnik“, konnte er einzig und allein auf die Person des (weithin berüchtigten) Prüfers zurückführen: „Hot er Sie durchfoin lossn? Des is ein Orschloch!“