9.4 Die Folgen

Die Ursache dieser Umstände liegt aber keineswegs in der Person Stelzers, auch wenn die meisten „Mitglieder“ des IÖG (bei ganz konkreter und unausweichbarer Frage) dies so darstellen würden; die Ursache liegt allein im Prüfungsprinzip – eine Figur wie Stelzer lässt bloß den Charakter des Prüfungsprinzips, der seit jeher in den Begriffsverwirrungen der eingeweihten Kreise („Stars“, „Orden“, „Fremdenlegion“, „prüfungsimmanent“, „institutspolitisch“) – für Außenstehende völlig unvorstellbar – verborgen liegt, schlaglichtartig deutlich werden.

Der Charakter des Prüfungsprinzips wie des gesamten Systems muss aber zwangsläufig derart im verborgenen liegen, denn kein normal absolviertes „Mitglied“ wäre je bereit, das dem System zugrunde liegende Prüfungsprinzip auch nur ansatzweise in Frage zu stellen – denn dies hieße: den eigenen „Erfolg“, die eigene „Elitarität“, den eigenen „Stolz“ und letztlich das eigene Selbstwertgefühl, ja unter Umständen sogar die gesamte eigene Lebensstellung in Frage zu stellen! Und wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, so würde man nicht für möglich halten, wie leicht Menschen zu korrumpieren sind – gar nicht einmal für Geld, aber für bestimmte „gute Worte“, und ohne dass sie dies überhaupt bemerken würden: Ein simpel ausgetrickstes Lernschema (bzw. eine besondere Form der „Prüfungsimmanenz“) macht’s möglich – je nach Ausdrucksweise!

 

Das System ist in sich schlüssig und absolut stimmig – und daher ohne eine Figur wie Stelzer tatsächlich auch so gut wie nicht zu durchschauen. Und es ist Realität, dass die heute in der Aktivität stehenden, unter dem System des IÖG groß gewordenen Vertreter eben dieses Systems im österreichischen Archivwesen und seinen verwandten Bereichen ganz erhebliche und maßgebliche Kräfte darstellen. Dies betrifft, nur im reinen Archivwesen (Museen und andere Institutionen gänzlich außer Acht gelassen) und auch sonst ohne Anspruch auf Vollständigkeit, neben dem Österreichischen Staatsarchiv sämtliche Landesarchive und das Wiener Stadtarchiv, die Archive praktisch aller Landeshauptstädte, das Wiener, das St. Pöltener und weitere Diözesanarchive, das Archiv des Deutschen Ordens, etliche Stiftsarchive, das ORF-Archiv und nicht zuletzt die meisten Universitätsarchive.

Denn in Wirklichkeit richten sich die „Staatsprüfungszeugnisse“ des IÖG auch nicht an den „Staat“ oder irgendeine andere Allegorie der das IÖG finanzierenden Allgemeinheit, sondern an einen kleinen Adressatenkreis, der aufgrund der eigenen Kenntnis der sachlichen Charakteristik der verschiedenen Materien in der Lage ist, von Fach zu Fach aus der Verbindung von papierener Note und individuell erstellter Aufgabe die tatsächlichen Fähigkeiten und Kenntnisse des „Mitgliedes“ zu derivieren. Nur wer aufgrund einer selbst irgendwann durchlaufenen Schulung auch die individuellen Aufgaben bewerten kann, ist schließlich in der Lage, die Noten überhaupt erst zu deuten. Zwischen einem „Sehr gut“ und einem „Sehr gut“ in irgendeinem paläographisch arbeitenden Fach können Lichtjahre und ganze Universen liegen. Jeder muss alles können.

 

Und all dies spielt sich ab vor dem Hintergrund einer von der normalen universitären Umwelt abgehobenen und unter der Piratenflagge vorgeblicher „Elitarität“ segelnden Organisationseinheit, in die hinein sich alle Jahre zehn oder zwanzig zumeist junge Menschen aufgrund eines besonders ausgeprägten historischen Interesses nur deswegen verirren müssen, weil weder das reguläre Geschichtestudium dieses Interesse zu befriedigen bereit ist noch irgendwo im Lande eine Archivschule nach modernem westlichen Muster existiert – einer Organisationseinheit, deren wahre Absicht darin besteht, sich die Leistungen von „Stars“ auf ihre Fahnen zu schreiben, deren Begabungen und Vorerfahrungen als angebliche Produkte ihrer eigenen Fachdidaktik zu verkaufen und die Leistungen der Anfänger und „Normalen“ durch manipulierte Prüfungsaufgaben auf das ungefähr gleiche Niveau zu heben.

Und eines steht fest: Je persönlichkeitsschwächer ein Kursteilnehmer oder Studierender selbst ist, desto leichter und schneller wird er zum Spielball aller mit ihm geplanten und vollzogenen Machinationen und zur Marionette des Systems. Nach drei Jahren verlässt er das IÖG als typisches Mitglied, und nach dreißig Jahren kehrt er vielleicht zurück als typischer Honorarprofessor. Und bis dahin verbringt er seine Zeit als Archivar und Hüter sensibler historischer Quellen.