Fazit der Betrachtung

Ein normaler Universitätslehrer geht – je nach Fachrichtung – davon aus, dass der einzelne Studierende sich von ihm eine theoretische Wissensvermittlung, eine fachlich-praktische Unterweisung oder auch eine konkrete berufliche Ausbildung erwartet. Die fachdidaktisch korrekte Leistung dieser Wissensvermittlung, Unterweisung oder Ausbildung ist sein standesspezifischer beruflicher Auftrag als Universitätslehrer. Die Kontrolle der Annahme der Wissensvermittlung, Unterweisung oder Ausbildung durch den Studierenden erfolgt durch den formalen Akt der Prüfung des gelehrten Stoffes.

Ein „Lehrender“ am IÖG hingegen geht faktisch davon aus, dass der einzelne Kursteilnehmer von ihm selbst wie auch vom gesamten Institut etwas geschenkt haben will – was auch im Einzelfall tatsächlich gar nicht so unrichtig sein mag, denn noch bis vor gar nicht so langer Zeit hatte dieses Geschenk auch regelmäßig höchst konkrete Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg des Teilnehmers. Die Abhaltung der Prüfung am IÖG bedeutet den formalen Akt der Vollziehung der Geschenkannahme und bezeugt das stille Einverständnis zwischen „Prüfern“ und nach drei Jahren noch verbliebenen „Geprüften“. Und Prüfer wie unser bekannter Max&Moritz orientieren sich bei der Auswahl der passenden „Staatsprüfungsthemen“ schlicht und einfach an der Körpersprache und der Demutshaltung der Prüflinge.

Die Geschenknehmer auf der anderen Seite, die „Mitglieder des Instituts“ (dieses Wort bedeutet eine Empfehlung), salopp gesprochen nichts anderes als ein Rudel gut dressierter Hündchen, verbreiten im Eigeninteresse und zum blanken Selbstschutz sowie unter Erzeugung der unglaublichsten Begriffsverwirrungen die Legende von einer angeblich elitären „Ausbildung“, deren Absolventen alles können. Und wie bekannte Beispiele zeigen, macht das IÖG auch noch aus dem kleinsten Männchen einen großen Mann. Über das Stiegenhaus des Lügengebäudes, auf dem dieses Institut errichtet ist, könnte man von hier bis zum Mond spazieren!

 

Der „Kurs“ ist, egal ob in der traditionellen oder in der aktuellen Form, letztlich nichts anderes als ein Konglomerat einzelner Fächer, die, mehrheitlich den Historischen Hilfswissenschaften entnommen, unter wechselnden Titeln lose zusammengestoppelt werden. Das dreiste Schwindeletikett von der „Geschichtsforschung“ disqualifiziert sich ohnehin von selbst, aber auch der verbleibende Rest ist weder an einer systematischen historikerspezifischen Grundausbildung im klassisch-hilfswissenschaftlichen Bereich noch etwa in eigentlicher Weise am Berufsbild des Archivars orientiert.

Gerade für eine Ausrichtung im letztgenannten Sinne müsste zunächst aus archivischer Sicht ein wirklichkeitsgetreues Anforderungsprofil und ein daran konkret anknüpfendes Grundausbildungsziel definiert werden, und dieses könnte niemals lauten: „Beherrschung der Archivwissenschaft“ – solche Sprechblasen sind nicht mehr als warme Luft, die nichts heißt und nichts aussagt: Ein frischer Absolvent des IÖG hat in den dort einschlägig gebrachten Fächern („Archivlehre“, „Archiv- und Aktenkunde“, „Archivwissenschaft“ etc.) eine Anzahl von Fachbegriffen gehört und hat sich daran eine gewisse Vorstellung gebildet; darüber hinaus kennt er wohl auch ein paar wichtige rechtliche Bestimmungen; und nicht zuletzt hat er vielleicht sogar ein vierwöchiges Praktikum im Österreichischen Staatsarchiv absolviert, und der Generaldirektor hat ihm darüber eine lobende Bestätigung ausgestellt. Der seit dreißig Jahren in der Abteilung tätige Regierungsrat, der ihm die drei wichtigsten Regale, das Beschriften des Spießzettels und den Weg zum Klo gezeigt hat, hat die Beherrschung der Archivwissenschaft zur Kenntnis genommen.

Und es könnte auch niemals lauten: „Beherrschung der Historischen Hilfswissenschaften“ (das bekannte „Jeder muss alles können!“) – weil das völliger Humbug ist. Es könnte in diesem Punkt vielleicht gerade noch lauten: „Beherrschung der Grundzüge der Historischen Hilfswissenschaften“ – allerdings wird an der Erstellung eines solch realistischen Anforderungsprofils der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs unter Garantie nicht mitwirken, weil dann auch jeder sofort wüsste, dass er selbst die Historischen Hilfswissenschaften vielleicht gerade einmal zu dreißig Prozent beherrscht. Und daher lässt er auch seine Archivare und Abteilungsleiter im Zweifelsfalle dann eben keiner hilfs- und archivwissenschaftlichen Ausbildung durch das IÖG unterziehen – wozu letztlich auch?

 

Was das IÖG für den außenstehenden Historiker beim ersten Augenschein interessant erscheinen lassen kann, sind die lateinisch-mittelalterliche und die frühneuzeitliche Paläographie, die anderen paläographisch arbeitenden Fächer wie etwa die Diplomatik sowie die übrigen Historischen Hilfswissenschaften für Mittelalter und Frühe Neuzeit – all jene Fächer somit, die ihm im regulären Geschichtestudium praktisch zur Gänze vorenthalten wurden.

Irgendeine systematische „Ausbildung“ gerade etwa in der Paläographie als wichtigstem hilfswissenschaftlichen Fach überhaupt – denn wer seine Quellen nicht lesen kann, der braucht über deren Informationsgehalt gar nicht erst nachzudenken – findet jedoch nicht statt. Wer das IÖG in dieser naiven Erwartung betritt, der löst bloß eine Kette von Missverständnissen aus – von der Paläographie über die Quellenkunde bis hin zur Kunstgeschichte. Man wartet zwar drei Jahre lang gespannt, lässt sich mit allerlei kopierten Texten zuschütten und fragt sich zeitweise: Kommt jetzt eigentlich noch etwas? Aber es kommt eben nichts. Bis man dann unter Abwerfung aller bisherigen schulischen und universitären Erfahrungswerte irgendwann endlich begreift, dass einem der „Lehrer“ gar nicht das Lesen und Edieren von alten Schriften sondern die Verehrung für Otto Scrinzi beibringen wollte.

Und bei der Staatsprüfung von 2001 hat Stelzer seinen Anschiss von Wolfram klarerweise nicht dafür erhalten, dass er, was natürlich auch Wolfram in der Diplomatik tat, eine Prüfung gezinkt hat, sondern ausschließlich dafür, dass er sie falsch gezinkt hat und dass unter nur etwas anderen Umständen der ganze Betrug und das den österreichischen historischen Wissenschaftsbetrieb durchziehende Klientel- und Patronagesystem schon damals hätten ans Tageslicht kommen können. Eine noch größere Ansammlung von Unredlichkeit und Scharlatanerie unter einem Dach ist, außer vielleicht bei der Mafia, nicht mehr vorstellbar. Dieses Institut dient nicht den Historischen Hilfswissenschaften, es dient überhaupt nicht dem österreichischen Archivwesen, und es hat noch nie irgendeiner ominösen „Geschichtsforschung“ gedient – dieses Institut dient einzig und allein sich selbst!