Bemerkung zur Bemerkung

Das umseitig Gesagte soll nun aber nicht bedeuten, dass es in all den Monaten nicht eine einzige sachliche Kritik von seiten des beschriebenen Lehrkörpers gegeben hätte – das nun auch wieder nicht! Am 3. August 2009 hat Herr Dr. Heinrich Berg vom Wiener Stadt- und Landesarchiv mit Bezug auf meine Ausführungen im Kapitel 6.2 diese prägnante Anfrage gesendet:

 

„Beherrschung der Archivwissenschaft“ – einer Archivwissenschaft, von der echte Archivare, die sowohl ihr Archiv als auch ihren Beruf kennen, noch nie gehört haben.

 

Bitte um Erläuterung dieses Satzes, da ich das Fach zu vertreten habe.

Bg

 

 

Ich habe Herrn Dr. Berg noch am selben Tag folgendes zurückgeschrieben:

 

Sehr geehrter Herr Dr. Berg!

 

Ich schließe aus Ihrer Anfrage, dass Sie meine Website zumindest in Teilen gelesen haben, vielleicht auch die Sätze, die ich der Vollständigkeit halber natürlich auch Ihrer damaligen Lehrveranstaltung gewidmet habe – in aller notwendigen Kürze und durchaus mit dem Bemühen um Gerechtigkeit, aber natürlich trotz allem meinem fraglos subjektiven Empfinden zufolge. Allerdings war damals, im Rahmen der Fächerbezeichnungen des traditionellen „Kurses“, ja eigentlich noch nicht von „Archivwissenschaft“ im wörtlichen Sinne die Rede, und somit blieb in diesem Zusammenhang nur die Möglichkeit eines mehr oder weniger annäherungsweisen Vergleichs, ob völlig zutreffend oder nicht sei hier auch dahingestellt.

Die Website ist zugegebenermaßen insgesamt recht umfangreich; wenn Sie alle einschlägigen und möglicherweise verstreuten Anmerkungen zur Frage „Archivwissenschaft“, die allerdings auch nicht wirklich das Thema der Mehrzahl der Seiten ist, das muss hier schon betont werden, in eines zusammenziehen würden, wäre Ihre Frage, so wie ich sie inhaltlich und auch Ihrem vermutlichen Grunde nach verstehe, meiner Meinung nach durch zumindest zwei Kernaussagen eigentlich fast schon beantwortet:

·                     Eine einsemestrige Lehrveranstaltung, so gehaltvoll sie auch sein und so treffende Schwerpunkte sie auch setzen mag, könnte einerseits angesichts der Vielfalt des österreichischen Archivwesens und seiner Bestände vielleicht trotz allem besser als Einführung in den Grund der Materie denn als Ausweis ihrer vollständigen „Beherrschung“ gewertet werden.

·                     Und dies würde andererseits auch die Tätigkeit der großen Zahl akademischer wie auch nichtakademischer Archivare im richtigen und ihnen gerechterweise zukommenden Licht erscheinen lassen, die ihren Beruf gewissermaßen nur von der Pike auf gelernt haben (und da beginnt die Archivwissenschaft ja genau genommen schon beim richtigen Zubinden eines Aktenfaszikels, einer keineswegs zu unterschätzenden Fertigkeit) und trotzdem in manchen Fällen bis zu sehr hohen archivarischen Weihen vorgedrungen sind.

Ich selbst habe Ihre Vorlesung, allein schon durch die einschlägigen Unterweisungen an den mir weitgehend unbekannten Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs, durchaus als relevante Erweiterung meines Horizontes erlebt – bitte das auch trotz meiner möglicherweise pointierten Ausdrucksweise keineswegs misszuverstehen! Allerdings muss ich auch feststellen, dass etwa der Direktor des Allgemeinen Verwaltungsarchivs (sowie inzwischen auch des Finanz- und Hofkammerarchivs), der zumindest ein Jahr lang im selben Kurs gewesen ist, zu diesem erbaulichen Vergnügen, aus welchem Grunde immer, nicht mehr ganz gekommen ist. Sollte man aber deswegen nun im Umkehrschluss gleich die Behauptung aufstellen, dass der Mann die Archivwissenschaft nicht beherrscht?

 

Mit freundlichen Grüßen

Ernst Zehetbauer

 

 

Die weitere Diskussion der Materie hätte durchaus interessant werden können – leider hat Herr Dr. Berg den Faden nicht wieder aufgenommen.