Österreichische Geschichte
Mit der inzwischen vierzehnbändigen „Österreichischen Geschichte“ hat es seine eigene Bewandtnis, die den einen oder anderen ihrer Leser vielleicht interessieren könnte. Dass Prof. Winfried Stelzer, der zu Zeiten des 62. Institutskurses (1998-2001) unter anderem für die Vorlesungen „Lateinische Paläographie“ sowie „Editions- und Regestentechnik“ zuständig war, dabei eine zeitweilige Neigung zum inhaltlichen Abschweifen zeigte, ist an anderer Stelle schon kurz angeklungen. Stelzer war zu genau dieser Zeit gedanklich aber auch anderweitig sehr beschäftigt, da er eigentlich, wie er selbst einmal beklagte, ein Buch schreiben „sollte“, was er allerdings nicht einmal ansatzweise zustande gebracht hat. Die Sache hat aber eine längere und nicht ganz uninteressante Vorgeschichte.
An der Universität Wien gibt es ja nicht nur das IÖG mit seiner rechtlichen Sonderstellung als nachgeordneter Dienststelle des Wissenschaftsministeriums, es gibt auch die reinen Universitätsinstitute wie vor allem das Institut für Geschichte, dann etwa das Institut für Zeitgeschichte, das Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde oder auch das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Speziell an letzterem wurden vor inzwischen einem guten Vierteljahrhundert von Prof. Ernst Bruckmüller kurz hintereinander zwei nicht ganz unumstrittene Bücher verfasst, nämlich die beiden Titel „Nation Österreich. Sozialhistorische Aspekte ihrer Entwicklung“ (1984) und „Sozialgeschichte Österreichs“ (1985). Wie weit nun Bruckmüller in seiner „Sozialgeschichte Österreichs“ die österreichische Frühgeschichte ins richtige Licht gerückt hat, mag man so oder so sehen, Tatsache ist jedenfalls, dass er in seiner „Nation Österreich“ auf Seite 20 unter Berufung auf ältere Äußerungen Alphons Lhotskys von der „großdeutschen (oder weitgehend sogar: kleindeutschen) Ausrichtung des dominierenden Instituts für Österreichische Geschichtsforschung“ zu sprechen anhob.
Bereits 1987 reagierte für das IÖG auf diese beiden Werke Prof. Herwig Wolfram mit einer ersten raschen Gegendarstellung in Form des Buches „Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung“, das er unter dem Motto verfasste: „Dem Institut für Österreichische Geschichtsforschung, wofür es sich zu arbeiten und zu leben lohnt.“ Auf Seite 13 machte Wolfram klar, worum es ging: „Will man nicht das Feld den Ideologen der harmlosen wie der gefährlichen Art überlassen, so ist die Darstellung einer Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung die Aufgabe der Mediävistik in diesem Lande. [...] Allerdings unterscheidet sich die Arbeit des Historikers dadurch vom engagierten Interesse der Dilettanten patriotischer oder ideologischer Provenienz, daß er sich an die Überlieferung hält.“
Bald entwickelte Wolfram aber auch den Plan zu einem noch größeren Gegenprojekt. Er fasste den Entschluss, in Form eines zehnbändigen Werkes eine Österreichische Gesamtgeschichte herauszugeben, ein umfassendes Unternehmen, bei dem er offenbar an seine Erfahrungen als Autor des ersten Bandes der zwölfbändigen „Deutschen Geschichte“ des Siedler-Verlages anknüpfte, der dann 1990 unter dem Titel „Das Reich und die Germanen“ erschien. Das analoge Projekt einer großangelegten „Österreichischen Geschichte“ kam auch ohne weiteres zustande, zumal mit der finanziellen Unterstützung zahlreicher öffentlicher Einrichtungen und nicht zuletzt jenes Bundesministeriums, dem das IÖG direkt untersteht.
Die hinter der „Österreichischen Geschichte“ Wolframs stehende Strategie bestand darin, dass ein Band des Werkes, nämlich der zehnte und letzte, der den Zeitraum von den letzten Jahren der Monarchie bis knapp in die Gegenwart abdecken sollte, mit dem Salzburger Professor Ernst Hanisch als Aushängeschild einem prononciert katholischen Historiker übertragen wurde, der aus seiner Sympathie für den von den Nationalsozialisten ermordeten Bundeskanzler Dollfuß und den christlich-sozialen Ständestaat kein Hehl macht. Dieser Band erschien auch bereits im Jahr 1994 als erster.
Sämtliche früheren Bände hingegen wurden zunächst an eine von Wolfram handverlesene Schar von Historikern vergeben, die man von der Farbgebung her mehrheitlich allerdings nicht unbedingt im schwarzen Teil des Spektrums suchen würde. Bemerkenswert ist daneben, dass diese Bände außerdem alle zeitlich später erschienen, so dass deren Autoren überdies noch Zeit hatten, in ihren Ausführungen auf allfällige von Hanisch vertretene Thesen zu reagieren. Wolfram selbst übernahm natürlich auch hier den ersten Band „Grenzen und Räume (378-907)“, einen umgetitelten Neuaufguss von „Die Geburt Mitteleuropas“.
Der Plan ging nur insofern nicht ganz auf, als sich drei der von Wolfram erkorenen Autoren letztlich als unfähig erwiesen, eine derartige Aufgabe überhaupt zu bewältigen und allesamt an der gewaltigen Stoffmasse scheiterten. Dies betraf Prof. Grete Klingenstein für den Zeitraum 1699-1806, Prof. Franz Quarthal für den Zeitraum 1522-1699 und nicht zuletzt den auch sonst bisweilen etwas verwirrten Prof. Winfried Stelzer für den Zeitraum 1278-1439. Damit das Gesamtwerk überhaupt noch (und möglichst näher bei Wien) erscheinen konnte, wurde daher die Grazerin Grete Klingenstein mehr unfreiwillig durch Prof. Karl Vocelka ersetzt, der gebürtige Thüringer Franz Quarthal durch Prof. Thomas Winkelbauer und der gebürtige Steirer Winfried Stelzer allerdings durch Prof. Alois Niederstätter, den Direktor des Vorarlberger Landesarchivs, einen zuverlässigen Mann, der damit als einziger Autor gleich zwei der ursprünglich vorgesehenen Bände zur Gänze übernommen hat.
Das zunächst nur auf zehn Bände angelegte Gesamtwerk wurde dann allerdings noch auf bislang vierzehn Bände ausgebaut (ein fünfzehnter soll anscheinend noch folgen), indem es einerseits nach unten hin mit zwei weiteren Epochen-Bänden auch noch in die Römerzeit und bis weit in die Urgeschichte hinein verlängert (der gedankliche Ausgangspunkt von Wolframs Konzeption war ursprünglich ja nicht primär territorial, sondern an der Initialzündung der Völkerwanderung orientiert gewesen) und andererseits mit den beiden thematischen Bänden „Geschichte des Christentums in Österreich“ sowie „Geschichte der Juden in Österreich“ um religiöse und rechtlich-volkstümliche Aspekte ergänzt wurde. Bedingt durch den Aufwand dieser zusätzlichen Erweiterungen sowie durch die personellen Schwierigkeiten bei der Erstellung der zehn Kernbände hat sich das Erscheinen des Gesamtwerks letztendlich wohl aufs Doppelte der ursprünglich veranschlagten Zeit hingezogen. Pro captu lectoris habent sua fata libelli.