Ein kurzes Resümee

Bei insgesamt dreizehn „Forschungen“ handelt es sich in einem Falle um eine mit derzeit insgesamt vierzehn Bänden beinahe abgeschlossene Gesamtdarstellung der österreichischen Geschichte auf der Grundlage des jeweils aktuellen Forschungsstandes unter Auswertung der bestehenden Sekundärliteratur und gedruckter Quellen. Dieselbe bietet dem Historiker wie dem interessierten Laien einen tieferen und detaillierteren Einblick in historische Zusammenhänge als herkömmliche zumeist einbändige Handbücher. Können die Literaturverzeichnisse der Bände natürlich nicht als vollständige Bibliographien des jeweiligen Zeitraumes gelten, so bieten sie aber viele Hinweise für einen sofortigen und tiefergehenden Einstieg in die Spezialliteratur.

Des weiteren stoßen wir in acht Fällen auf Quelleneditionen, in einem Falle auf ein Regestenwerk. Danach verbleiben noch ein von der Methodik etwas unklares Projekt zur „Bühne der Fürsten“, ein Unternehmen über „Adel, Burg und Herrschaft im Mühlviertel (11.-14. Jh.)“ sowie ein „Limes-Projekt“, dessen nominelle Absicht darin besteht, „ein internationales Netzwerk zum römischen Limes als Kulturdenkmal von europäischer Bedeutung aufzubauen“.

 

Man soll das Editionswesen keineswegs geringschätzen, und auch Regestenwerke haben ihre Bedeutung, weil sie Ordnung und Übersicht in eine oft weithin verstreute Quellenlage bringen können. Und wenn etwa bei den Regesta Habsburgica vom Umfang „des in zahlreichen in- und ausländischen Archiven schlummernden Quellenmaterials, der Schwierigkeit der Bearbeitung und der hohen methodischen Anforderungen an Bearbeiter und Bearbeiterinnen“ die Rede ist, so hat dieser Satz schon eine gewisse Berechtigung.

Abgesehen von einem ausreichend tiefgehenden historisch-zeitspezifischen Fachwissen, das der Bearbeiter sich natürlich aneignen sollte, liegen die „hohen methodischen Anforderungen“ aber vor allem in einem: nämlich in der Fähigkeit, die zu regestierenden oder irgendwann einmal vielleicht auch komplett zu edierenden Urkunden oder sonstigen Quellen erstens von der Schrift her lesen und zweitens noch von Lateinisch auf Deutsch übersetzen zu können. Wer genau das nicht kann, der braucht mit einem solchen Unterfangen klarerweise gar nicht erst zu beginnen.[1]

Bei schwierigen Schriften und stark gekürzten Texten müssen diese beiden für sich allein schon anspruchsvollen Vorgänge sich sogar zu einem einzigen hochkomplexen hermeneutischen Mehrfachzirkel verbinden – der sich als solcher aber nur im Kopf des jeweiligen Bearbeiters abspielt und daher für Außenstehende weder äußerlich sichtbar noch anhand irgendwelcher Indizien erschließbar ist. Und in den allerobersten Graden der Schwierigkeit geht es dabei um höchstdiffizile „Rechenleistungen“ innerhalb eines visuell-semiotischen Kohärenzfeldes, für die es auch in tausend Jahren noch keinen Computer geben wird.

 

Ansonsten ist es hier aber wenigstens einmal in klaren Worten ausgedrückt: Es geht um Anforderungen an „Bearbeiter und Bearbeiterinnen“ – und nicht an Forscher und Forscherinnen! Und wenn etwa bei den Registern Innocenz’ III. der Bezug zur österreichischen Geschichte auch eher gering sein mag, so handelt es sich vom Grundsatz her aber natürlich auch hier um ein durchaus löbliches Vorhaben der systematischen Aufbereitung und allgemeinen Zugänglichmachung eines bestimmten Quellenbestandes durch textkritisch kommentierte Herausgabe in gedruckter Form. Der Editor erzeugt dabei aus der jeweiligen Quelle durch den Vorgang des Edierens eine zwar nicht „identische“, aber zumindest inhaltlich „gleiche“ Quelle – bloß einer neuen Überlieferungsstufe. Und, wie man etwa bei der Papst-Edition sehen kann, es gibt unter Umständen auch deutlich schlechtere und weniger brauchbare Vorläufer-Editionen.

Der Bearbeitungsvorgang des Editors hat dabei gegenüber dem Interpretationsvorgang des Geschichtsforschers einen Vorteil: Die Edition ist (je nach Lesefähigkeit des Editors) mehr oder weniger genau abgeschrieben und (je nach Detailstreben des Editors) mehr oder weniger umfangreich kommentiert; darüber hinaus brauchen sich die Edition und ihr Editor allerdings keiner wie immer gearteten Kritik zu stellen. Ob dann im Zuge der Papstforschung ein Katholik daraus das Bild des guten Hirten zeichnet oder ein Protestant nicht den Papst, sondern den leibhaftigen Teufel an die Wand malt, steht auf einem anderen Blatt. Geschichtswissenschaftliche Forschung im historiographisch-inhaltlichen Sinne betreiben allein jene Männer und Frauen, die diese Quellen, neben vielen anderen, als schöpferisch arbeitende Historiker für ihre eigenen Arbeiten zur Beantwortung der aus ihrem persönlichen Erkenntnisinteresse erwachsenen Fragen nützen – und nicht diejenigen, die sie in Form von Editionen abschreiben oder als Regesten kurzfassen!

 

 


[1] Trotzdem ist aber eines natürlich klarzustellen: Aus der bloßen Tatsache, dass irgendein Text in lateinischer Sprache vorliegt, lässt sich weder eine „Heiligkeit“ oder „Richtigkeit“ des Textes noch die Unkritisierbarkeit seines Bearbeiters ableiten. In Indien werden heilige Kühe verehrt – in der Wissenschaft werden sie geschlachtet.