Pez-Korrespondenz

Es kann nur betont werden, dass es sich bei jeder handwerklich einigermaßen fundiert erstellten Edition vom Grundsatz her um ein löbliches Vorhaben der Aufbereitung und leichteren Zugänglichmachung von Geschichtsquellen, die sonst nur als (oft verstaubtes) Original im jeweiligen Archiv liegen würden, durch kommentierte Herausgabe in gedruckter Form handelt. Dass das aber nichts mit einer angeblichen „Geschichtsforschung“ zu tun hat, verdeutlicht auch das aktuelle Editionsprojekt zur Pez-Korrespondenz meines Kurskollegen Thomas Wallnig, der damit eine schon in seiner schriftlichen Staatsprüfungsarbeit vorgelegte Edition einzelner Briefe (Korrespondenz zwischen Johann Georg Eckhart und Bernhard Pez) zu einem umfassenden herausgeberischen Unternehmen weiter ausgebaut hat. Hatte Wallnig zunächst bereits zwischen 2004 und 2008 in einem unter der Leitung von Prof. Winfried Stelzer stehenden FWF-Projekt mit dem Titel „Die gelehrte Korrespondenz der Brüder Pez 1709-1715“ rund ein Viertel der Pez-Korrespondenz editorisch bearbeitet, so lief am 1. April 2008 unter dem Titel „Monastische Aufklärung & Benediktinische Gelehrtenrepublik“ ein noch größeres START-Projekt an, das sich die Edition sämtlicher in Melk erhaltener Briefe der Brüder Pez zur Aufgabe machte.

Wallnig hat sich damit zweifellos ein ganz enormes Arbeitspensum aufgeladen, für das ihm der eine oder andere Geschichtsforscher noch dankbar sein wird, der dann als ersten Einstieg in seine Arbeit zu einem einschlägigen Thema ganz einfach einen Band der Pez-Korrespondenz aus dem Bibliotheksregal ziehen kann und nicht in jedem einzelnen Falle im Stress und mit hohen Benzin- oder Bahnkosten kreuz und quer durchs Land fahren muss, um sich die für sein Thema benötigten Briefe zusammenzusuchen – irgendwie eigentümlich bei dem Ganzen erscheint nur die Projektsbeschreibung, wer immer am IÖG sie auch fabriziert haben mag. Das Vorhaben stellt sich ausformulierter Weise jedenfalls als ziemlicher Brocken dar, den wir uns ja ruhig ein bisschen aufteilen können – gehen wir das Ganze doch einfach einmal Punkt für Punkt durch:

 

 

               Monastische Aufklärung & Benediktinische Gelehrtenrepublik

 

Nachlass und Briefwechsel (1709–1762) der Brüder Pez zählen zu den bedeutendsten Quellen zur süddeutsch-österreichischen Gelehrsamkeitsgeschichte in der Phase zwischen späthumanistischer katholischer Reform und „katholischer Aufklärung“. Das darin greifbare Netzwerk an Gelehrten und Ordensgeistlichen war Träger einer heute sowohl in der Wissenschaft als auch im öffentlichen Bewusstsein weitgehend vergessenen geistigen Kultur, deren Selbstverständnis noch in mittelalterlichen Kategorien wurzelte und die – gesellschafts- wie geistesgeschichtlich – im Laufe des 18. Jahrhunderts durch den Prozess der „Aufklärung“ überformt wurde.“

 

Der erste Absatz fungiert somit als Einführung in die Materie und führt dem Leser die Bedeutung der zu edierenden Quellen vor Augen, die hier einer „süddeutsch-österreichischen Gelehrsamkeitsgeschichte“ zugeordnet werden. Darin sei ein Netzwerk an Gelehrten und Ordensgeistlichen greifbar; dieses sei Träger einer in Wissenschaft und öffentlichem Bewusstsein weitgehend vergessenen geistigen Kultur gewesen, deren noch in mittelalterlichen Kategorien verwurzeltes Selbstverständnis im 18. Jahrhundert „durch den Prozess der Aufklärung“ (in einer leider nicht näher genannten Weise) überformt worden sei.

 

„Rund 1000 Briefe an die Brüder Pez sind in Melk erhalten und werden im Rahmen des START-Projekts für die Edition vorbereitet. Dabei soll auch das Internet zur Bekanntmachung von einschlägigen Texten (Original und Übersetzung) sowie Originaldokumenten (Bücherkataloge aus Klosterbibliotheken) herangezogen werden. Vorrangiges Ziel des Forschungsunternehmens ist die Erarbeitung einer Edition, die aus Text, (deutschen) Regesten, Kommentaren und Indices besteht. Darüber hinaus werden folgende Forschungsanliegen verfolgt:“

 

Der zweite Absatz setzt zunächst die Dimension der Vorbereitung des Editionsvorhabens auseinander, das rund 1000 in Melk erhaltene Briefe umfasse – also nicht unbedingt wenige. Die Edition solle dabei nicht nur als Druck erfolgen, sondern es sollen zusätzlich auch Texte ins Internet gestellt werden. Schön und gut, aber obwohl das Editionsvorhaben als solches jetzt ja eigentlich schon angesprochen ist, erfahren wir nun weiters, dass das vorrangige Ziel des Forschungsunternehmens die Erarbeitung einer Edition sei, die aus (dem abgeschriebenen) Text, dann überdies aus Kurzfassungen desselben Textes in Form von Regesten in deutscher Sprache, weiters aus bestimmten Kommentaren (wohl zum Text) und außerdem aus „Indices“ bestehe, worunter wahrscheinlich so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis oder ein Register gemeint ist, um sich in der Masse der 1000 Briefe auch zurechtfinden zu können. Über diesen Anspruch hinaus werden aber noch weitere Forschungsanliegen verfolgt:

 

Eine Aufarbeitung der genuin süddeutsch-österreichischen Entwicklung vor der Durchsetzung der „Aufklärung“ ist im Wesentlichen bis heute nicht geleistet worden, vor allem, weil die Betrachtung bisher mehr Wert auf die teleologische Ausrichtung auf eben diese Aufklärung denn auf das genuin frühneuzeitliche Selbstverständnis der barocken Geisteskultur gelegt hat. Ziel der Pez-Forschung ist somit nicht die „Vorgeschichte der Aufklärung“, sondern eine Betrachtung der meinungsbildenden Strömungen, gelehrten Netzwerke sowie wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten, die gelehrtes Handeln an der Schwelle zu den uns bis heute vertrauten Kategorien von Wissenschaftlichkeit und Öffentlichkeit geprägt haben.“

 

Dritter Absatz: Eine Aufarbeitung der genuin süddeutsch-österreichischen Entwicklung vor der Durchsetzung der „Aufklärung“ sei im wesentlichen bis heute nicht geleistet worden. Der genuin süddeutsch-österreichischen Entwicklung wovon? Der Grund für diese mangelhafte Aufarbeitung (wovon immer) liege aber jedenfalls darin, dass die Betrachtung bisher mehr Wert auf die teleologische Ausrichtung (teleologische Ausrichtung wovon?) auf eben diese Aufklärung denn auf das genuin frühneuzeitliche Selbstverständnis der barocken Geisteskultur gelegt habe. Immerhin ist alles „genuin“ – das ist ja auch schon was.

Ziel der Pez-Forschung sei somit nicht die „Vorgeschichte der Aufklärung“, sondern eine Betrachtung der meinungsbildenden Strömungen, gelehrten Netzwerke sowie wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten, die gelehrtes Handeln an der Schwelle zu den uns bis heute vertrauten Kategorien von Wissenschaftlichkeit und Öffentlichkeit geprägt hätten. Auch schön und gut, aber was hat das alles jetzt mit der geplanten Edition zu tun?

 

„Der Personenkreis der Pez-Korrespondenten bzw. überhaupt jener der gelehrten (benediktinischen) Ordensgeistlichkeit des späten 17. Jahrhunderts ist wenig bis gar nicht bio-bibliographisch erfasst, geschweige denn näher erforscht. Aus diesem Grund war an eine literarische, theologische, philosophische oder historiographiegeschichtliche Aufarbeitung und vergleichenden Würdigung der einzelnen Oeuvres bisher nicht zu denken, und infolgedessen fehlt die süddeutsch-österreichische Geistesgeschichte sowohl in der „Intellectual History“ des 17. und 18. Jahrhunderts, als auch in der kunsthistorisch dominierten Kulturgeschichte des Barock weitgehend. Dem soll durch eine prospopgraphische Erfassung der gelehrten Ordensgeistlichkeit Österreichs und Süddeutschlands auf der Basis gedruckter und ungedruckter Quellen im Rahmen des START-Projekts entgegengewirkt werden.“

 

Der vierte Absatz kennt sogar noch weitere Fremdwörter außer „genuin“, die uns vermutlich noch mehr imprägnieren sollen. Zunächst wird einmal festgestellt, dass der Personenkreis der Pez-Korrespondenten wenig bis gar nicht bio-bibliographisch erfasst, geschweige denn näher erforscht sei. Okay: Der mangelnden bio-bibliographischen Erfassung könnte man etwa durch Erstellung eines Personenlexikons der Pez-Korrespondenten abhelfen, der mangelnden Erforschtheit primär durch systematische Erforschung im Sinne eines bestimmten Erkenntnisinteresses – durch eine Quellenedition allerdings nicht. Aber aus genau diesem Grund sei an eine literarische, theologische, philosophische oder historiographiegeschichtliche Aufarbeitung und vergleichende Würdigung der einzelnen Oeuvres bisher nicht zu denken gewesen. Welcher einzelnen Oeuvres?

Infolgedessen fehle die süddeutsch-österreichische Geistesgeschichte sowohl in der „Intellectual History“ des 17. und 18. Jahrhunderts, als auch in der kunsthistorisch dominierten Kulturgeschichte des Barock weitgehend. Okay: Somit wird es dann also wohl höchste Zeit, dass ernstzunehmende Historiker sich dieser süddeutsch-österreichischen Geistesgeschichte in entsprechenden Forschungen mit klar ausformulierten Themen und zielgerichteten Fragestellungen annehmen. Dem Problem solle jedoch durch eine prosopographische Erfassung der gelehrten Ordensgeistlichkeit Österreichs und Süddeutschlands auf der Basis gedruckter und ungedruckter Quellen im Rahmen des START-Projekts entgegengewirkt werden. Damit wären wir in etwa wieder bei der Idee mit dem Personenlexikon, aber was hat das damit zu tun, dass Texte und Regesten ins Internet gestellt werden sollen?

 

Im Nachlass der Brüder Pez finden sich zahlreiche Bibliothekskataloge und Abschriften aus mittelalterlichen Handschriften, die im Original heute verloren sind. Auf der Projekt-Homepage sollen diese Quellen, ebenso ausgewählte Texte von Pez und seinen Korrespondenten sowie Findbehelfe und Literatur, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Projekt wird am Institut für Österreichische Geschichtsforschung unter der Leitung von Dr. Thomas Wallnig durchgeführt. Die Laufzeit beginnt am 1. April 2008 und endet am 31. März 2014.“

 

Nach dem etwas knotigen Anfang und den wahrhaft phantastischen Ausführungen der Mitte glänzt der letzte Absatz des Vorhabens mit einer erfrischend sinnvollen Verwendung der Begriffe „Original“ und „Abschrift“, an die wir gleich noch ein bisschen Quellentheorie anhängen können: Die mittelalterlichen Handschriften, die im Original heute verloren sind, könnten wir als Primärquellen ansprechen; die von den Brüdern Pez angefertigten Abschriften würden in diesem Sinne somit Sekundärquellen darstellen; und die unter der Leitung von Dr. Thomas Wallnig angefertigten Editionen dieser Abschriften können dann folglich als Tertiärquellen betrachtet werden.

Die Überlieferung dieser Quellen umfasst somit bereits drei Stufen, die immer wieder durch neuerliche Abschrift entstehen, wobei aber nicht einmal gesagt ist, dass die von den gelehrten Brüdern Pez angefertigten Abschriften irgendwie „unwissenschaftlich“ sein müssen – die Herren Pez hatten bloß noch keinen PC um sich die Arbeit zu erleichtern, und die damalige Wissenschaft war insgesamt um vieles geringer institutionalisiert als heute, auf einen weitaus kleineren ausübenden Personenkreis beschränkt und einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb schmaler Bildungsschichten praktisch unzugänglich. Und selbst in unserer hochtechnisierten Zeit muss man für das wissenschaftlich-fachgerechte Abschreiben von 1000 Briefen und weiteren Schriftstücken unter Umständen sechs Jahre veranschlagen.

Letztlich zeigt sich darin aber der allerwichtigste „Nutzen des Edierens“: Je öfter eine Geschichtsquelle abgeschrieben worden ist, desto geringer ist der Schaden, wenn irgendwann einmal das Original der Vernichtung, dem Verlust oder dem Diebstahl anheim fallen sollte.